Interview mit Jan Baechle

Ein Freund, der Schätze ans Tageslicht bringt

Der Mann ist sportlich: Zu unserem Gesprächstermin im Café Jawlensky des Museums Wiesbaden kommt Jan Baechle mit dem Fahrrad – okay, es ist ein Elektro-Bike. Aber treten muss man trotzdem viel, klärt er auf. Die Mitarbeiter im Museum kennen und schätzen ihn. Denn als Ehrenamtlicher gibt er sich große Mühe, Werke aus dem Depot des Hauses der interessierten Öffentlichkeit nahezubringen, und man unterstützt ihn gerne. „Er ist unser bestes Stück“, lässt denn auch Peter Forster, Kustos der Sammlungen, wissen, als wir ihn beim Fototermin fürs Interview zufällig treffen. Erst Studium eines dicken Nachschlagwerks, dann Gang ins Depot. Schließlich aufwendige Detail-Arbeit in der Bibliothek. Vor dem 14. Depotfrühschoppen am 5. November, bei dem Jan Baechle Künstler des Jugendstils vorstellen wird, haben wir mit dem Kuratoriumsmitglied des Freunde-Vereins ein Gespräch geführt.

Noch ist die Staffelei leer: Jan Baechle wird am 5. November Werke von drei Künstlern des Jugendstils aus dem Depot holen. Unser Foto entstand während des Aufbaus der Kirchhoff-Ausstellung. Im Hintergrund das Bild „Nikita“ von Jawlensky, das natürlich nicht zum Depotfrühschoppen gehört. (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)
Noch ist die Staffelei leer: Jan Baechle wird am 5. November Werke von drei Künstlern des Jugendstils aus dem Depot holen. Unser Foto entstand während des Aufbaus der Kirchhoff-Ausstellung. Im Hintergrund das Bild „Nikita“ von Jawlensky, das natürlich nicht zum Depotfrühschoppen gehört. (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)

Herr Baechle, Sie laden nun schon zum 14. Mal zum Depot-Frühschoppen ins Museum ein. Wie kamen Sie denn überhaupt auf diese tolle Idee?

Das begann so: Der Vorsitzende Gerd Eckelmann fragte mich eines Tages, ob ich Lust hätte, mich ins Kuratorium des Freunde-Vereins wählen zu lassen, das damals von Professor Tom Sommerlatte geleitet wurde. Ich hatte keine Ahnung, was eigentlich ein Kuratoriumsmitglied macht, der Museumsverein war mein erster Förderverein, dem ich beitrat. Ich wollte mich einbringen, etwas Sinnvolles tun, und ich machte mich zunächst mal mit den Museumsschätzen vertraut. So kam ich ins Depot…

Einfach so? Hat man Ihnen denn im Museum gleich das Depot bereitwillig geöffnet?

Mir war aufgefallen, dass ja höchstens 20 Prozent der Werke, die das Wiesbadener Museum besitzt, ausgestellt wurden. Für die Alten Meister war beispielsweise kein Platz oben. Deshalb wollte ich in den Keller. Aber das ging aus Sicherheitsgründen nicht so einfach. Die damalige Leiterin des Depots, Dr. Ingrid Koszinowski, bot mir aber eine Führung durch den großen, weit verzweigten Keller an.

Das klingt spannend.

Das war es. Damals war das Museum Wiesbaden stark auf die Moderne und auf Jawlensky konzentriert. Ich wusste durch das Studium des „Schweers“, was alles im Museum lagern musste.

Schweers?

Ja, ein Wiesbadener Kunstgelehrter.  Und in seinem Nachschlagwerk findet man die Bestände sämtlicher deutscher Kunstmuseen. Da hatte ich mir die Ausführungen über Wiesbaden rauskopiert.

Können Sie sich noch an die ersten Bilder erinnern, die Sie aus dem Depot ans Licht der Öffentlichkeit holten?

Oh ja: Künstler des 19. Jahrhunderts. Wilhelm Leibl und sein Kreis. Also Carl Eduard Schuch, Otto Scholderer, Hans Thoma oder etwa Louis Eysen. Schon der erste Depotfrühschoppen wurde ein Erfolg. Es kamen über 100 Gäste. Der frühere Museumsdirektor Rattemeyer war übrigens in dieser Sache sehr zurückhaltend mir gegenüber. Aber als Peter Forster ins Museum kam, erhielt ich große Unterstützung für meine Arbeit.  

Herr Baechle, Sie waren ja Banker und in Frankfurt bei der Commerzbank leitend tätig. Wie haben Sie sich so viel Fachwissen angeeignet, wie erreicht man dann so viel Kunstverstand?

Sagen wir es so: Ich habe großes Kunstinteresse. Nach der Pensionierung konnte ich mich intensiv damit beschäftigen.

Welches Konzept hatten Sie sich für die Depotfrühschoppen ausgedacht?

Ich wollte mit einer Reihe von deutschen Malschulen bekannt machen, zum Beispiel mit der Düsseldorfer Malschule, der Weimarer oder mit der Kronberger Maler-Kolonie. Und ich hatte mit Liebermann und Corinth auch zwei führende der Berliner Sezession vorgestellt.  Der Depotfrühschoppen hat sich außerdem mit der Rheinromantik, den „Modernen Skulpturen der Kaiserzeit“, oder etwa mit den Wiesbadener Malern Kaspar Kögler und Hans Völcker befasst.  

Da wartete also viel Material auf Sie. Aber: Sammeln Sie denn auch?

Ja, ich habe früh schon gesammelt. Werke der Kronberger Malschule. Ich gehöre zu den Bürgersöhnen, die als Kinder in Museen, Klöster und Kirchen geschleift wurden. Und es beeindruckte mich. Als Student habe ich übrigens dann im Bad Homburger landgräflichen Schloss Führungen gemacht.

Sind es beim Depotfrühschoppen immer Werke, bei denen Ihnen das Herz aufgeht, oder stellen Sie auch Kunst vor, die Sie eigentlich nicht besonders mögen, die man aber kennen und verstehen sollte?

Ich muss mich natürlich auch mit Werken befassen, die mir nicht gefallen. In allen Epochen gibt es bessere und schlechtere Bilder.

Welche Kunstrichtung liegt Ihnen besonders am Herzen.

Die Malerei des 19. Jahrhunderts.

Und welche Künstler?

Max Liebermann. Und die gesamte Berliner Sezession.

Haben Sie im Museum Wiesbaden ein Lieblingsbild?

„Wilder Rosenstrauch“ von Louis Eysen, der in der Kronberger Kolonie lebte und arbeitete.

Gibt es Werke, die Sie gerne aus dem Dunkel des Depots dauerhaft nach oben holen möchten?

Es sind erfreulicherweise fast alle, die ich mal vorgestellt habe, dauerhaft oben geblieben.

Zum Beispiel?

Unter anderem von Max Klinger die „Badende“. Werke von Wilhelm von Lehmbruck, Carl Schuch und Aristide Maillol. 

Auch den Künstler dieses Werks hat Jan Baechle schon während eines Depotfrühschoppens vorgestellt, zumal dieser auch als Deckenmaler im Museum sein Können zeigte: der Wiesbadener Hans Völcker. Beim Anblick des Bilds vom Schiersteiner Hafen kann man, so drückt es Baechle aus, „förmlich das Wasser riechen und die Schwüle spüren“. (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)
Auch den Künstler dieses Werks hat Jan Baechle schon während eines Depotfrühschoppens vorgestellt, zumal dieser auch als Deckenmaler im Museum sein Können zeigte: der Wiesbadener Hans Völcker. Beim Anblick des Bilds vom Schiersteiner Hafen kann man, so drückt es Baechle aus, „förmlich das Wasser riechen und die Schwüle spüren“. (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)

Jetzt müssen Sie uns aber auch sagen, was Sie am 5. November vorstellen werden. Drei Werke sollen schon ein bisschen einstimmen auf Jugendstil und Symbolismus – weil es ja die große Schenkung des Sammlers Ferdinand Neess fürs Museum geben wird.

Es sind sechs Bilder aus dem Depot, von Hans Christiansen, Ludwig von Hofmann und von Dora Hitz. Von ihr auch „Junge Frau mit  Blumen“, das in der Regel oben in der Dauerausstellung hängt. Außerdem zeige ich zirka 30 Fotos von Werken dieser drei Künstler und spreche darüber.

Kennen Sie denn die Sammlung Neess? Die 570 hochkarätigen Arbeiten aus Jugendstil und Symbolismus sollen ab 2019 im Museum Wiesbaden zu bewundern sein.

Nein, ich kenne die Sammlung noch nicht. Ich freue mich sehr auf 2019. Die Arbeiten geben ja einen Vorgeschmack auf die Epoche der führenden Maler des Jugendstils.

Lassen Sie uns nochmal detaillierter über den Depotfrühschoppen sprechen. Wie bereiten Sie sich vor?

Ich studiere zunächst den Schweers-Katalog, den wir schon erwähnt haben. Wenn ich dann eine Idee habe, bespreche ich den Vorschlag mit Kustos Peter Forster und frage ihn, was er davon hält. Wir gehen gemeinsam ins Depot. Das Museum schafft mir die Bilder nach oben, in die Bibliothek. Ich werde von der Bibliothekarin Martina Frankenbach dann großartig bei den Recherchen unterstützt.

Bei aller Hilfe: Das klingt nach viel Aufwand für Sie.

Ja, aber das macht Freude. Es ist toll, in der Bibliothek zu arbeiten. Ich bin seit mehreren Wochen an der Vorbereitung. Wir haben natürlich am Anfang auch nach dem Erhaltungszustand des jeweiligen Werkes geschaut, uns mit dem Rahmen und dem Format befasst.

Die Bilder stehen dann auf Staffeleien, die Sie dem Museum gestiftet haben. Sie benötigen bestimmt aber auch Technik?

Oh ja, es gibt ja eine PowerPoint-Präsentation.  Hier wiederum erhalte ich rührende Unterstützung von Suzan Mesgaran, der Veranstaltungsleiterin, die stets ihren Sonntag-Vormittag opfert und dafür sorgt, dass technisch alles klappt.

Sie können sicher für den November-Termin wieder mit gutem Besuch rechnen?

Ich denke ja, es gibt ein Stammpublikum, es besteht zu zwei Dritteln aus Freunden, auch von außerhalb. Viele sind Mitglied im Verein. Mit 11:30 Uhr haben wir nun eine gute Zeit, denn der ein oder andere möchte vorher in den Sonntagsgottesdienst gehen.

Machen wir nun einen Schwenk in die abstrakte expressionistische Kunst, zu Reinhard Ernst, der in der Wilhelmstraße 1 auf eigene Kosten mit dem berühmten japanischen Architekten Maki ein Museum bauen will. Gefällt Ihnen die Idee?

Ja, das wäre großartig! Die ersten Entwürfe sind überzeugend. Das wäre eine Riesenbereicherung. Und die Kunstsammlungen in unserem Museum würden mit Sicherheit von einem solchen Haus profitieren.

Wiesbaden kann über einen so großzügigen Mäzen glücklich sein. Sie als früherer Banker in Frankfurt haben doch sicher auch beobachtet, dass es dort mit dem Mäzenatentum viel weiter her ist als in der Landeshauptstadt Wiesbaden?

Das bürgerschaftliche Engagement in Frankfurt geht auf die Zeit der Freien Reichsstadt zurück, seit der „Goldenen Bulle“ wurden dort Dutzende Kaiser und Könige in Frankfurt gekrönt, Wiesbaden war 1800 noch eine verschlafene „Ackerbürger-Stadt“ mit rund 3000 Einwohnern. Neben Hamburg hat Frankfurt heute die meisten mildtätigen Stiftungen.

Aber wir Freunde des Museums können uns heute mit 1.500 Mitgliedern auch sehen lassen. Gelingt es Ihnen auch, neue Freunde zu werben?

Ja, immer wieder. Seit ich dieses Museum von innen so gut kenne, habe ich noch nie einen Misserfolg erlebt, wenn ich Besuchern das Haus ans Herz gelegt habe.

Was würden Sie denn Ihren Gästen an Kulturprogramm noch besonders empfehlen in Wiesbaden?

Ganz obenan steht die Schiersteiner Kantorei.  Das Weihnachtsoratorium in der Schiersteiner Kirche mit Martin Lutz sollte man nicht verpassen. Und ebenso wenig darf man die Bachwochen und den Wiesbadener Herbst mit barocker Musik versäumen. Bei den Bachwochen gibt es neben den Aufführungen in Schierstein auch sehr schöne Konzerte in der Luther-, Berg- und Marktkirche. Sie merken, ich kann mich hier begeistern, ich habe früher selbst gesungen.

Wir nähern uns dem Ende unseres Gesprächs, und dann hat jeder noch zwei bis drei Wünsche frei fürs Museum …

Ich wünsche mir, dass der Südflügel großzügig ausgebaut werden kann. Und dass der Innenhof des Museums eine Frischzellenkur erfahren möge.

Das Gespräch führte Ingeborg Salm-Boost

 


Jan Baechle wurde an Heiligabend 1940 in Madrid geboren. Fünf Jahre später zog die Familie nach Bad Homburg, wo er Abitur machte. Einer Banklehre in Hamburg folgte das Studium der Volkswirtschaft in Frankfurt und Marburg. Jan Baechle blieb bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben 2003 seinem „Lehrherrn“, der Commerzbank treu, arbeitete unter anderen sieben Jahre in Venezuela, wo er seine aus Wiesbaden stammende Frau Friederike kennenlernte, eine Lehrerin an der Deutschen Schule. Das Paar lebte acht Jahre in Frankfurt, hier war Baechle nach dem Auslandsaufenthalt bei der Bank als Länderreferent für Südamerika tätig. Er ist in der FDP engagiert, war lange Jahre in den Beiräten von VRM und Schott Musikverlag für seine Familie vertreten. Auch sind er und seine Frau der Wiesbaden Stiftung verbunden. Zu den Freunden des Museums Wiesbaden gehört Jan Baechle seit 2003, ins Kuratorium wurde er 2004 gewählt. Schon 2005 bot Jan Baechle den ersten Depotfrühschoppen an.

 

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