Serie: Kunstvoll und Naturnah

Eine meisterhafte Hommage

Jawlenskys Selbstbildnis aus dem Jahr 1912 zählt zu den Hauptattraktionen des Wiesbadener Museums und ist gleichzeitig eines der wichtigsten Bilder im Werk des Malers.

Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis, 1912; Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

Von den insgesamt nur neun Selbstporträts in Öl ist dieses das eindringlichste. Jawlensky fixiert den Betrachter unter zusammengezogenen Augenbrauen mit strengem Blick; die mit expressivem Pinselduktus auf den Karton gebrachten Farben vermitteln Dynamik und höchste Anspannung.

Das Jahr 1912 ist eines der produktivsten und erfolgreichsten im Leben Jawlenskys. Der gebürtige Russe lebte zu dieser Zeit in München und bewegte sich im Umfeld der Künstler des „Blauen Reiter“ und anderer Avantgarde-Bewegungen. Jawlensky hatte künstlerisch endgültig seinen eigenen, expressiven Stil gefunden und konnte in Ausstellungen Erfolge feiern. Wohl auch durch das auf diese Weise gestiegene Selbstvertrauen beschäftigt sich der Maler in diesem Jahr ungewöhnlich intensiv mit dem eigenen Bildnis, vier der neun Selbstporträts entstehen in diesem Jahr.

Der Komposition und dem Motiv nach ähnelt das Wiesbadener Bild vor allem einem Werk aus dem Kunstmuseum Basel.

Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis, 1911, Öl auf Karton, Sammlung im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel; aus: Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky und Angelica Jawlensky (Hrsg.), Alexej von Jawlensky. Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, vol. 1: 1890-1914 (London: I B Tauris, 1991), S.302
Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis, 1911, Öl auf Karton, Sammlung im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel; aus: Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky und Angelica Jawlensky (Hrsg.), Alexej von Jawlensky. Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, vol. 1: 1890-1914 (London: I B Tauris, 1991), S.302

Dieses Selbstbildnis ist ein Jahr früher, also 1911 entstanden und zeigt Jawlensky mit vergleichbar strengem Blick, allerdings aus etwas größerer Distanz. Die Selbstdarstellung des Malers als gestrengen Herrn in beiden Bildern widerspricht dabei ganz dem Charakterbild, das Freunde von Jawlensky überliefert haben. August Mackes Frau Elisabeth schilderte ihn etwa als „ungemein sympathischer Mensch voll Güte und Zartheit, ein vollendeter Kavalier, früherer Offizier mit viel alter Tradition“. Wie aber passt die so beschriebene sanfte Persönlichkeit Jawlenskys mit dessen Selbstbildnissen zusammen?


Eine Antwort auf diese Frage liefert der Blick auf die Werke jener Künstler, mit denen sich Jawlensky zeitlebens intensiv beschäftigt hat. Bereits lange bekannt ist der Umstand, dass Jawlensky sich sehr für die damals in Europa in Mode gekommene japanische Kunst interessierte und selbst eine Sammlung japanischer Holzschnitte besaß. Zu dieser Sammlung gehörte auch ein Farbholzschnitt, der einen Kabuki-Schauspieler mit Schminkmaske und verzerrten Gesichtszügen zeigt. Sowohl die Mimik als auch die Farbigkeit des Gesichts mit der Maske mögen Jawlensky zu der unnatürlichen Vielfarbigkeit und dem strengen Ausdruck bei seinem eigenen Bildnis inspiriert haben.

Toyohara Kunichika: Schauspielerbildnis, 1870, Farbholzschnitt, ehemals Sammlung Jawlensky; aus: Bernd Fäthke, Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht (München: Hirmer 2004), S. 160
Toyohara Kunichika: Schauspielerbildnis, 1870, Farbholzschnitt, ehemals Sammlung Jawlensky; aus: Bernd Fäthke, Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht (München: Hirmer 2004), S. 160

Neue Forschungsergebnisse belegen, dass Jawlensky in den Jahren nach 1909 auch andere Vorbilder der alten und der modernen Kunst motivisch in seinen Werken zitierte. Dies gilt auch für seine beiden Selbstbildnisse in Bezug auf Paul Cézanne und Diego Velázquez. Mit Cézannes Werken hatte sich Jawlensky bereits Jahre zuvor vor allem stilistisch und farblich auseinandergesetzt. In Privatsammlungen, Ausstellungen und Museen konnte er in München und auf seinen Reisen zahlreiche Originale des Franzosen sehen, darunter ein Selbstbildnis, das seit 1912 zur Sammlung der Pinakothek in München gehörte.
Dieses und weitere Selbstbildnisse Cézannes weisen hinsichtlich des Bildausschnittes, der Modellierung des Gesichts, der Haltung und der Gesamtkomposition große Ähnlichkeiten mit den beiden Selbstporträts Jawlenskys aus Basel und Wiesbaden auf.

Paul Cézanne: Selbstbildnis mit weißem Turban, um 1878/80, Neue Pinakothek München
Paul Cézanne: Selbstbildnis mit weißem Turban, um 1878/80, Neue Pinakothek München
Paul Cézanne: Selbstbildnis, um 1880, Stiftung Oskar Reinhart Winterthur; aus: Steven Platzman, Cézanne – the self-portraits (London: Thames & Hudson, 2001), S. 16
Paul Cézanne: Selbstbildnis, um 1880, Stiftung Oskar Reinhart Winterthur; aus: Steven Platzman, Cézanne – the self-portraits (London: Thames & Hudson, 2001), S. 16
Velázquez Bedeutung für Jawlenskys Kunst war bislang nicht bekannt. Dabei hatte sich Jawlensky bereits früh mit dem spanischen Maler intensiv beschäftigt und besaß sogar mehrere Kunstdrucke seiner Werke. Velázquez Kunst war in jenen Jahren in München im Allgemeinen und im Umfeld von Jawlensky im Besonderen in Mode.

Neben den Kunstdrucken konnte Jawlensky in der Alten Pinakothek auch ein Selbstbildnis des Spaniers studieren, das heute zwar als Werkstatt-Kopie gilt, damals jedoch als Original des Malers ausgestellt war.

Diego Velázquez (Werkstatt): Selbstbildnis
Diego Velázquez (Werkstatt): Selbstbildnis, 17. Jhrdt., Alte Pinakothek München
Diego Velázquez: Selbstbildnis, 1640, València, Museum der Schönen Künste (Wikimedia Commons)
Diego Velázquez: Selbstbildnis, 1640, València, Museum der Schönen Künste (Wikimedia Commons)

Neben diesem Bild und weiteren Selbstporträts gibt es noch ein weiteres Werk von Velázquez, das Jawlensky für seine eigenen Selbstbildnisse rezipiert zu haben scheint: Es handelt sich dabei um das berühmte Porträt von Papst Innozenz X., das durch den überaus strengen und durchdringenden Blick des Dargestellten zu einem der berühmtesten Bilder der Kunstgeschichte zählt.

Fotografie des Jahrgangs 1899/1900 der Malschule von Anton Azbe in München. Dritter v.r.: Jawlensky, links dahinter an der Wand mehrere Kunstdrucke nach Velázquez; aus: Horizont Jawlensky im Spiegel seiner künstlerischen Begegnungen 1900-1914 (Ausstellungskatalog Museum Wiesbaden und Kunsthalle Emden), München: Hirmer, 2014, S. 101.
Darunter auf der Höhe von Jawlenskys Kopf das Bildnis von Papst Innozenz X. (Ausschnitt des Fotos), das Jawlensky mit seiner Haltung nachzuahmen scheint.
Darunter auf der Höhe von Jawlenskys Kopf das Bildnis von Papst Innozenz X. (Ausschnitt des Fotos), das Jawlensky mit seiner Haltung nachzuahmen scheint.
Bildnis von Papst Innozenz X (Wikimedia Commons)
Detail des Bildnisses von Papst Innozenz X (Wikimedia Commons)

Wer diese Werke von Velázquez mit Jawlenskys Selbstbildnissen vergleicht, kann zahlreiche motivische Übereinstimmungen feststellen: Die Haltung des Kopfes, den charakteristischen Zwirbelbart und vor allem den ernsten, strengen Blick unter den zusammengezogenen Augenbrauen.

Man kann daher festhalten: Jawlenskys Wiesbadener Selbstbildnis zeigt nicht ein Psychogramm des Malers, sondern stellt eine meisterhafte Hommage an Kunstwerke und Künstler dar, die er besonders schätze. Der strenge Blick ist daher auch kein Spiegel seiner Seele oder eine Offenbarung seiner Persönlichkeit, sondern ein kunsthistorisches Zitat. Dabei kopiert er die Vorbilder nicht einfach, sondern fügt einzelne Elemente mit seinem eigenen expressiven Stil zu einer Synthese und somit zu etwas völlig Neuem zusammen.

Nikolas Jacobs

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