Serie: Kunstvoll und Naturnah

Ein Selbstbildnis, das bleibt

Den Wiesbadener Künstler Alois Erbach (1888–1972) kennen selbst in der Kunstwelt nur die wenigsten – leider. Noch ist ihm sein Platz in der Kunstgeschichte nicht gesichert, aber Frank Brabant und das Museum Wiesbaden arbeiten mit vereinten Kräften hart daran, dass dies geschieht und Erbach endlich seinen ihm gebührenden Platz einnehmen kann. Dieser steht ihm nicht nur zu, weil er zu den Malern der ersten Stunde gehörte, die noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs bereits im Stile der Neuen Sachlichkeit gearbeitet haben, sondern auch und gerade, weil seine frühen Werke auf den ersten Blick überzeugen können.

Frank Brabant besitzt nicht weniger als sieben Bilder des Künstlers, die meisten davon stammen aus den 1920er-Jahren, als der Künstler in Berlin lebte und mit Otto Dix, George Grosz und John Heartfield in Kontakt stand. Das Selbstbildnis, ein 1927 entstandenes, bildmäßig ausgearbeitete Aquarell, ist malerisch derart überzeugend, dass sich viele Museen um das Blatt bemühen würden, wäre es nur auf dem Kunstmarkt noch zu haben. Frank Brabant, der die Künstler des Rhein-Main-Gebiets hervorragend kennt, weiß natürlich um den Schatz, den er damit besitzt, obwohl das Etikett eines großen Künstlernamens fehlt. Ihn hat das nie gestört.

Alois Erbach, Selbstbildnis, 1927, Aquarell, Sammlung Frank Brabant, Wiesbaden (Foto: Museum Wiesbaden/ Bernd Fickert)

Warum aber lässt uns das Bild nicht los? Liegt es daran, dass Nähe und Distanziertheit darin im Extrem aufeinanderprallen? Der Maler sitzt lässig, mit übereinandergeschlagenen Beinen, voll bekleidet, mit hochgeschlagenem Kragen seines Trenchcoats in einem dunkelgrün bezogenen Biedermeiersessel, als hätte er sich soeben erst darin niedergelassen. Obwohl man den Künstler klar, deutlich, sachlich umrissen direkt vor sich sitzen sieht, kommt man ihm nicht wirklich näher. Der geschlossene Mantel, der linke, wie eine Barriere wirkende Arm und die halbabgewandte Sitzhaltung, ebenso wie der durch die charakteristische Brille noch schärfer, quasi verschärft wirkende Blick, der demonstrativ an uns vorbeigeht, zeigen uns an, dass wir ihn zwar anschauen dürfen, aber bitte bloß nicht ansprechen sollen. Viel Zeit bleibt uns dafür ohnehin nicht, da er vermutlich im nächsten Moment, spätestens wenn seine Zigarette zu Ende geraucht sein wird, aufbrechen und weiterziehen wird. Es scheint, er ist gekommen, um nur kurz zu bleiben.

Bis 30. September 2018 ist er, der mit seinem Selbstbildnis höchst ambivalente Gefühle heraufzubeschwören vermag, noch im Museum Wiesbaden zu bewundern. Zu Frank Brabant, der ihn schon lange für die Nachwelt sicherte, weil er dessen Qualität erkannte, wird Alois Erbachs Meisterwerk dann heimkehren – um im Wohnzimmer, ungestört von unseren Blicken, Platz zu nehmen.

Dr. Roman Zieglgänsberger


Erfahren Sie mehr über Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos für die Klassische Moderne im Museum Wiesbaden, im Interview.

 

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