Serie: Kunstvoll und Naturnah

Ein ganz besonderes Liebespaar

Otto Mueller (1874–1930), Liebespaar, 1917/19, Öl auf Rupfen, Museum Wiesbaden, erworben 1954
Otto Mueller (1874–1930), Liebespaar, 1917/19, Öl auf Rupfen, Museum Wiesbaden, erworben 1954

Seit über 60 Jahren gehört das „Liebespaar“ von Otto Mueller (1874–1930) zu den Hauptwerken des Landesmuseums Wiesbaden. Erworben wurde das Gemälde 1954 unter dem ersten Nachkriegsdirektor Clemens Weiler vom Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath. Große Teile der privaten Sammlung Hanna Bekkers, die zwischen Frankfurt und Wiesbaden in Hofheim am Taunus im sogenannten Blauen Haus lebte, kamen 1987 ins Museum Wiesbaden. Im übertragenen Sinne ist das „Liebespaar“ demnach mehr als nur ein Bild eines großartigen Malers – es ist ein bildlicher Vorbote der späteren untrennbaren Beziehung zwischen dem Museum Wiesbaden und Hanna Bekker, die sich zeitlebens für die von den Nationalsozialisten verfemten Künstler einsetzte.

Otto Muellers „Liebespaar“ selbst ist schon längst nicht mehr wegzudenken aus der ständigen Kunstausstellung des Museums. Stets erhält es einen besonderen Platz zwischen seinen Künstlerkollegen der 1905 gegründeten expressionistischen Gruppe „Brücke“ wie Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde oder Ernst Ludwig Kirchner in der reichen Abteilung der Klassischen Moderne.

Bei dem Gemälde des aus Schlesien stammenden, heute außerordentlich populären Malers handelt es sich nicht nur um eines seiner beliebten arkadischen Szenen mit nackten Mädchen in der Natur, sondern um eines der Hauptwerke schlechthin, weil es einen weit darüber hinausgehenden inhaltlichen Tiefgang besitzt: Dieses „Liebespaar“ sitzt nicht nur harmlos, schön und vielleicht auch ein wenig gelangweilt auf einem leichten Hügel zwischen Bäumen im grünen Gras herum, vielmehr scheint es sich wie ein erstes Menschenpaar schützend tief hinein in ein dunkles Arkadien auf die Schattenseite des Lebens zurückgezogen zu haben. Aber warum? Die Folgen des Ersten Weltkriegs dämmern allmählich, und der Mensch, der all dies zu verantworten hat, ist nicht mehr unberührt. So verkörpert das Paar, das im nächsten Moment aus dem Paradies vertrieben werden wird, erneut die Erbsünde und wird zum Sündenfall der Menschheit schlechthin erhoben.

— Dr. Roman Zieglgänsberger

Zur Übersicht