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„Meine liebe Mela!“ – Die Jawlensky-Förderin Mela Escherich

Denkt man an die Wiesbadener Jahres des russischen Expressionisten Alexej von Jawlensky, kommt man nicht umhin, ebenfalls seiner Unterstützerinnen zu gedenken, die sein Leben vor Ort maßgeblich prägten. Eine davon war die in Wiesbaden lebende und arbeitende, promovierte Kunsthistorikerin Mela Escherich (1877–1956).

Mela Escherich, um 1930, Archiv Museum Wiesbaden (Foto: Museum Wiesbaden)

Tätig als freischaffende Kunstwissenschaftlerin und Journalistin, wohnte sie in der heutigen Bahnhofsstraße und damit in der gleichen Straße, in welcher der Künstler im Frühsommer 1922 mit seiner Familie die erste eigene Wiesbadener Wohnung beziehen sollte. Durch Engagements in regionalen Zeitungen wie dem Wiesbadener Tagblatt oder Fachzeitschriften wie dem Cicerone war sie gut vernetzt und vor allem gut informiert. So verfasste sie beispielsweise bereits 1924 einen Beitrag zum Kunstschaffen des damals 22-jährigen Andreas Jawlensky (1902–1984), dessen Kunst sie wie die seines Vaters schätzte – nicht ohne Grund besaß sie mindestens eine Arbeit des malenden Künstlersohns, die sie zwei Jahre vor ihrem Tod dem Museum schenkte. Heute ist die Arbeit „Kohlfeld“ (1929) im Rahmen der Sonderausstellung präsentiert.

Andreas Nesnakomoff-Jawlensky, Kohlfeld, 1929, Museum Wiesbaden (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Und auch zahlreiche Werke Alexej von Jawlenskys selbst, wie die Leihgabe „Variation: Atelierfenster“, der „Abstrakte Kopf: Rotes Licht“, der „Abstrakte Kopf: Meditation“ und das „Selbstbildnis im Rasierspiegel“ waren vormals im Besitz Mela Escherichs und können in der aktuellen Ausstellung bewundert werden.

Alexej von Jawlensky, Variation: Atelierfenster um 1915, Privatsammlung (Foto: Galerie Thomas)

Vor allem die in Wiesbaden entstandene Werkreihe der „Abstrakten Köpfe“ stand im Fokus der Kunsthistorikerin, deren Interessenschwerpunkt in der Thematik des Mythischen in der Kunst lag. Geprägt von der anthroposophischen Weltanschauung muss die expressionistische Kunst – vor allem die „in die Tiefe“ gehende Kunst Jawlenskys – nahezu wie ein Erweckungsmoment auf die Kunsthistorikerin gewirkt haben, die sich auf wissenschaftspublizistischer Ebene zuvor überwiegend mit mittelalterlicher Kunst befasste (Ausstellungsrezensionen ausgeschlossen). Ihre Kenntnisse in diesem Bereich müssen Jawlensky imponiert haben und Briefe belegen seine Begeisterung für ihre Literaturempfehlungen und moralische Unterstützung.

Alexej von Jawlensky, Abstrakter Kopf: Meditation, 1933, Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe Verein zur Förderung der bildenden Kunst in Wiesbaden e.V. (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Doch es war vor allem ihr publizistisches Engagement, das dem Künstler helfen sollte. Angefangen bei wissenschaftlichen Beiträgen in der Fachpresse ab 1925/26 – ein Aufsatz zur „Russischen Kunst in Deutschland“ – erwähnte Escherich die Kunst Jawlenskys in regelmäßigen Abständen. Selbst 1934, als der Künstler bereits politisch diffamiert war, stellte sie ein kleines Heftchen des Titels ALEXEJ von JAWLENSKY. Dem Meister zum 70. Geburtstag! zusammen. Es gilt heute als eine der ersten Publikationen, die sich rein mit der Kunst Jawlenskys beschäftigt. Auch war es Mela Escherich, die den mit großen Einfühlungsvermögen formulierten Nachruf schrieb und ihn aufgrund ihrer politischen Differenzen mit der deutschen Presse in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichen lies.

Nach Kriegsende sollte ihr Engagement nicht abbrechen. Mit Escherichs Unterstützung und Expertise, etwa den Aufenthaltsort von knapp 700 Jawlensky-Werken ausfindig zu machen, organisierte Clemens Weiler 1954 die erste Jawlensky-Schau im damals so genannten „Neuen Museum Wiesbaden“.

Alexej von Jawlensky, Abstrakter Kopf: Rotes Licht, 1930, Museum Wiesbaden (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Prompt nach ihrem Tod 1956 bemühte sich dieser auch um die in ihrer Sammlung verbliebenen Jawlensky-Arbeiten, wovon lediglich das „Rote Licht“ 1957 Einzug ins Museum fand. Die weiteren Arbeiten übernahm u. a. Hanna Bekker vom Rath, weshalb sich diese letztlich seit 1987 ebenfalls im Museum Wiesbaden befinden.

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis im Rasierspiegel, 1938, Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe Verein zur Förderung der bildenden Kunst in Wiesbaden e.V. (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Heute gehören sie zu den insgesamt 111 Werken, die das Museum Wiesbaden von Alexej von Jawlensky besitzt, einem Künstler, der ab seinem Zuzug nach Wiesbaden 1921 bis zu Escherichs Tod über 30 Jahre später im Augenmerk der Wissenschaftlerin war und die sich für eine akkurate und zentrale Platzierung seines künstlerischen und ideellen Erbes in Wiesbaden und in der Forschung einsetzte. Näheres zu ihrer Geschichte und zu weiteren Wiesbadener Förderinnen können im ausstellungsbegleitenden Katalog nachgelesen werden. Viel Freude bei der Lektüre und neuen Erkenntnissen beim Besuch der Ausstellung „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“.

Jana Dennhard


Jana Dennhard ist derzeit wissenschaftliche Volontärin der Abteilung Kunst. Im Rahmen der Ausstellung „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“ setzte sie sich insbesondere mit der Aufarbeitung des ideellen Erbes Mela Escherichs im Kontext von Jawlenskys Tätigkeit in Wiesbaden auseinander.

 

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