Auf Entdeckungstour (Teil 4)

Mit Matrosenbluse – Unbändig und frei …

Die wunderbare „Kunst“ und das aufregende „Leben“ der beiden Ausnahmekünstler zusammenzubringen, dies war, betont Roman Zieglgänsberger, das große Anliegen für die Ausstellung „Lebensmenschen“. Dass Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky sich in ihren russischen Jahren (1892 bis 1896) menschlich am nächsten standen, dies möchte der Kurator uns heute darlegen. Und: Wenn sich uns denn endlich wieder die Türen für die Schau im Museum öffnen, werden wir bestimmt auch ein besonderes Augenmerk auf das „Selbstbildnis mit Matrosenbluse“ richten. Der Kurator schreibt:


Wenn Sie, wie es hier hinter den Kulissen das Museumsteam hofft, bald unsere „Lebensmenschen“-Ausstellung besuchen können, dann werden Sie unsere beiden Hauptprotagonisten Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin gleich am Anfang in voller Lebensgröße begrüßen.

Blick den roten Raum der Ausstellung „Lebensmenschen – Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin“ (Foto: Museum Wiesbaden, Bernd Fickert)

Sie treffen die beiden Maler bei der Arbeit an. Jawlensky und Werefkin befinden sich gerade in ihrem Atelierhaus auf Gut Blagodat in Litauen (damals russische Provinz, ca. 100 km westlich von Wilna), wo sie zwischen 1892 und 1895 des Öfteren gemeinsam malen. Man kann sich richtig vorstellen, wie Werefkin von ihrem „Selbstbildnis mit Matrosenbluse“, das sie vermutlich in der nächsten Stunde fertiggestellt haben dürfte, zu Jawlensky, dessen Bild noch deutlich unvollendet ist, hinübergeht und die beiden ihre aktuelle Malerei diskutieren. Das fertiggestellte Selbstbildnis, das Sie rechts im Original neben der Fototapete sehen, ist auf 1893 datiert, weshalb wir wissen, wann genau die Aufnahme gemacht wurde.

Das Künstlerpaar bei der Arbeit: Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky im Atelier auf Gut Blagodat, 1893. Alexej von Jawlensky-Archiv S.A., Muralto/CH

Diese historische Fotografie ist von höchster Bedeutung für die Forschung. Zunächst: Es handelt sich um die einzige Aufnahme, die erhalten ist, auf der das Paar allein zu sehen ist. Dazu muss man wissen, dass es unzählige Fotos gibt, auf denen Jawlensky und Werefkin mit Freunden, Bekannten oder Verwandten abgelichtet wurden, aber eben nur dieses eine, auf dem sie alleine abgebildet sind. Das Foto belegt also – und das bestätigen auch andere Quellen –, dass sich die beiden starken Persönlichkeiten in ihren russischen Jahren (1892–1896) menschlich am nächsten gestanden haben. Das zweite, was aus der Aufnahme hervorgeht, ist, dass sich die beiden Künstler nicht in München, Murnau oder in der Schweiz stilistisch am besten vergleichen lassen, sondern nur zu Beginn ihrer Karriere in Russland. Würden die beiden Künstler auf dem Foto nicht eindeutig ihrer Staffelei zuzuordnen sein, man könnte kaum sagen, welches Bild von wem gemalt ist.

Da es eines unserer großen Anliegen bei diesem Ausstellungsprojekt gewesen ist, die wunderbare „Kunst“ und das aufregende „Leben“ dieser beiden Ausnahmekünstler zusammenzubringen, stand von vornherein fest, dass dieses Foto eine große Rolle spielen wird.

Dass es uns gelungen ist, das Foto gemeinsam mit dem Selbstbildnis nebeneinander präsentieren zu können, hat uns übrigens außerordentlich gefreut, stand es doch aus konservatorischen Gründen auf der Kippe, ob das Bild, das das bedeutendste Frühwerk der Künstlerin ist, überhaupt den weiten Weg von Ascona (Fondazione Werefkin) über München (Lenbachhaus) nach Wiesbaden reisen darf.

Frei und unbändig: Marianne von Werefkin, Selbstbildnis mit Matrosenbluse, 1893. Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona

Die 33-jährige, sehr jugendlich wirkende Werefkin tritt beschwingt in Halbfigur mit leicht selbstvergessenem Blick unmittelbar, nah und offen dem Betrachter gegenüber auf. Ganz automatisch kommt in diesem überzeugend authentisch wirkenden Auftritt ein höchst sympathisches, weil nicht auftrumpfendes Selbstbewusstsein zum Ausdruck. Doch woran liegt das? Die Malerei ist ungemein schnell, aber in keinem Moment nachlässig, eher sogar „dicht“ ausgeführt und befördert den Eindruck von einer gewissen Beiläufigkeit, als ob man jetzt gerade in diesem einen Moment ausnahmsweise einmal nicht so viel Wert legt auf die Erscheinung der eigenen Person. Sie steht – nachdenklich und durch und durch aufgeschlossen, wie sie wirkt – damit allein für sich und ist frei, unabhängig von unserem Urteil. Und wann ist man das schon, gänzlich frei vom Urteil des anderen?

Freuen Sie sich auf diese selbstbewusste Künstlerin, die gemeinsam mit Jawlensky in München zu Beginn des 20. Jahrhunderts den deutschen Expressionismus erfand.

Auch wir hinter den brodelnden Kulissen scharren mit den Füßen, wann es endlich wieder losgeht.

Ihr

Roman Zieglgänsberger


Im MuWi-Blog – informativen Beiträgen auf der Website des Museums Wiesbaden – werden weitere Hinweise des Kurators zur Ausstellung „Lebensmenschen“ gegeben.

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