Auf Entdeckungstour (Teil 6)

Gegensätze ziehen sich an

Die Werefkin ist 1913 in Litauen und hält in ihren Winterbildern die „Last des Daseins“ fest. Jawlensky ist an der Südküste Italiens und malt frühlingshaft wirkende Landschaften … In einem der 16 Ausstellungssäle sind aus dieser Phase die Werke des Paares nebeneinander gehängt – sie vermitteln den „tiefen Spalt“ in der Beziehung. Und trotzdem, so zeigt es Roman Zieglgänsberger auf, scheint sich der motivische Kontrast perfekt zu ergänzen. Der Kurator schreibt:


In einem der 16 Räume der sicherlich bald wieder geöffneten „Lebensmenschen“-Ausstellung haben wir exemplarisch einmal Werke von Jawlensky und Werefkin streng alternierend nebeneinander gehängt. Dieser Saal ist „zwischen den Zeilen“ dem angespannten Verhältnis der beiden Künstler gewidmet, deren Beziehung kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf der Kippe stand. Ihre Krise hat sich aufgrund der verfahrenen Familiensituation mit Helene Nesnakomoff und ihrem Sohn Andreas im Laufe des Jahres 1913 noch einmal verschärft, was zur Folge hatte, dass sich Werefkin für zehn Monate zu ihren Verwandten nach Litauen zurückzog. Jawlensky blieb in München, von wo aus er einige Reisen (u.a. zu seinem Bruder nach Warschau oder nach Bordighera) unternahm.

Nicht zuletzt lässt sich auch aus den Bildmotiven der beiden Künstler der inzwischen tiefe Spalt erahnen: Während sie in Wilna Winterbild auf Winterbild malte, schuf er an der italienischen Südküste frühlingshaft wirkende Landschaften. In der Präsentation der Werke, wollten wir genau die in jenen Momenten tatsächlich „Spitz auf Knopf“ stehende Beziehung thematisieren und haben deshalb ein Experiment gewagt – und haben frech die beiden warmen Jawlensky-Landschaften einfach zwischen die kalten Schneebilder Werefkins gehängt.

Blick in die Ausstellung „Lebensmenschen“ mit Werken aus Litauen von Werefkin und aus Bordighera von Jawlensky (Fotos: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Das überraschende daran war, dass sich dieser motivische Kontrast auf wundersame Art und Weise perfekt, fast harmonisch, möchte man sogleich hinzufügen, zu ergänzen scheint. Und das sogar, obwohl hier die völlig unterschiedliche Kunstauffassung der beiden Maler mehr als offen zutage tritt: Während Jawlensky mit seiner expressiven Malerei seine Stimmung mit der Landschaft in Einklang zu bringen und zu transportieren versteht, thematisiert Werefkin die Last des Daseins, etwa, wenn sie eine Frau zeigt, die an einem frostigen Tag die Schweine füttern gehen muss. Tief in einen schwarzen Mantel gehüllt und schwer gebückt schleppt sie sich mühsam mit ihrer Laterne in der Morgendämmerung zum Schweinekofen. Die unzähligen Bögen der Arkadenmauer im Hintergrund symbolisieren den mühseligen Takt der vielen kleinen Schritte, die sie in ihrem harten Leben bereits zurückgelegt hat beziehungsweise die wenigen, die sie noch (bis zur Erlösung?) zurücklegen muss.

Marianne von Werefkin, „Die Frau mit der Laterne“, 1910. Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona

Jawlensky, der sich in seinem Leben etwas fatalistisch treiben ließ, dann aber stets das Beste aus den vorgefundenen, nicht immer leichten Situationen zu machen oder sie unangestrengt zu lösen wusste, und Werefkin, die das Leben selbst in die Hand nahm und mit den von ihr herbeigeführten Situationen stets schwer zu ringen hatte, waren vom Charakter her völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Ihre Werke, die sich merkwürdigerweise trotz der grundsätzlichen Kunstauffassung nachgerade ideal zusammenfügen, lassen subtil auch diese unterschiedlichen Charaktere erahnen. Da sich das an einer Wand zu einem „Bild“ fügt, bedeutet dies doch, dass auch Streithähne, wenn es wirklich ernst wird, fest zusammenhalten. Und so war es dann ja auch.



Eigentlich wissen wir übrigens heute gar nicht, ob Werefkin, als sie Ende Juli 1914 wieder aus Litauen zurück nach München kam, Jawlensky für immer verlassen oder es noch einmal mit ihm versuchen wollte. Dass sich die über viele Jahre hinweg durch unzählige gemeinsame Erlebnisse verbundene „Viererbande“ – Werefkin, Jawlensky, Helene und Andreas Nesnakomoff – doch noch einmal zusammenraufte, lag wohl an einem unvermutet auftretenden gemeinsamen „Feind“: Dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wenn sich alle bedroht sehen – und als „Feindstaatenausländer“, der man als russischer Staatsbürger in Deutschland plötzlich war, muss dies so gewesen sein –, schließen sich die Reihen wieder. Das war schon immer so.

Als ungeliebte „Feindstaatenausländer“ floh man gemeinsam – alle Gräben oberflächlich zugeschüttet – Anfang August über den Bodensee in die Schweiz.

Herzliche Grüße aus dem schon viel, viel zu lang geschlossenen Museum Wiesbaden

Ihr

Roman Zieglgänsberger

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