Begegnung mit Carl Schuch

Huch, ein Schuch … oder: Warum Städel und MuWi best friends sind

Was verbindet derzeit unser Museum Wiesbaden besonders mit dem Städel in Frankfurt? Eine Ausstellung, die sich sehr zu besuchen lohnt: „Carl Schuch und Frankreich.“ Der Maler wird als einer der bekanntesten Unbekannten angekündigt, obwohl es doch schon 1986 in Mannheim eine wunderbare Schau seiner Bilder gab.

Carl Schuch, Äpfel auf Weiß, mit halbem Apfel, um 1886–1894. Städel Frankfurt

In knapp 40 Jahren schon wieder vergessen? Wie geht das? Direkt nach seinem Tod 1903 wurde für einen Schuch in Berlin locker das Doppelte wie für einen Van Gogh gezahlt. Und trotzdem sagt der Name Carl Schuch, ganz zu schweigen von dessen Kunst, einem großen Publikum heute gar nichts? Dieses Geheimnis gilt es zu ergründen! Also nichts wie hin an den Main und zu Carl Schuch, den man im Städel bis 1. Februar ergründen kann.

Gehen wir los: Da hängt er an der Wand. Ein junger Mann von Welt mit schwarzem Reitrock und schwarzem Hut, einen Zigarillo paffend blickt uns Karl Schuch schräg aus dem Bild an. Der Maler Wilhelm Leibl hat das Porträt des in Wien geborenen Kollegen im Alter von 29 Jahren gemalt. Weltmännisch ist die Attitüde, hat er doch schon Italien, München und Venedig bereist.

Wilhelm Leibl, Der Maler Carl Schuch, 1876. Städel Frankfurt

Und dann kommen sie, die farbenprächtigen Stillleben mit Blumen, Äpfeln und Spargel. Die Landschaften, in denen sich Felsen über dem Fluss stapeln, grün bemooste Steine im dunklen Wald nur ganz zögerlich kleine helle Lichtungen freigeben. Inspiriert von Paris, der Weltstadt der Kunst, wo der Maler viele Jahre gelebt und gearbeitet hat. Keine Frage, Carl Schuch ist ein wunderbarer Maler, und dieser Eindruck wird nicht gemindert, wenn daneben Bilder von Gustave Courbet, Édouard Manet, Claude Monet und Paul Cézanne hängen. Es lohnt sich, Schuchs Bilder näher und mit Muße zu betrachten.

„Waldinneres beim Saut du Doubs“, um 1886-1893. Städel Frankfurt

Oh, da ist ja ein Bild aus dem Museum Wiesbaden. Und noch eins …

Das lässt mir keine Ruhe. Einige Tage später treffe ich im Museum Wiesbaden Dr. Peter Forster, den Kustos der alten Meister, und ich frage nach, wie seine Schuchs nach Frankfurt kommen. Begeistert nimmt er einen prachtvollen Wälzer aus dem Regal und präsentiert mir den Bestandskatalog „Aus dem Neunzehnten – von Schadow bis Schuch“. Peter Forster schätzt den Maler Carl Schuch sehr, und er hat gerne Leihgaben nach Frankfurt übermittelt. Denn – und das ist eine kleine Sensation – das Städel hat einige Stillleben gemäldetechnologisch untersuchen lassen. So konnte z. B. beim Wiesbadener Bild „Ingwertopf mit Zinnkanne und Teller“ nachgewiesen werden, dass es bereits ein vollständiges Stillleben unter der heutigen Komposition gab. Doch muss es Schuchs Ansprüchen nicht genügt haben, er hat es abgekratzt, mehrfach verändert, bis endlich das finale Werk sichtbar wurde.

„Ingwertopf mit Zinnkanne und Teller“, 1885. Museum Wiesbaden

Dafür hat Peter Forster dieses Bild bereits Monate vor der Ausstellung nach Frankfurt gegeben und erlaubt, dass Röntgenuntersuchungen, Infrarotreflektografie und Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse gemacht wurden. Im Museum Wiesbaden ist dafür leider kein Geld vorhanden, und so profitieren beide Museen von dieser Kooperation – best friends!

Nicht beantwortet ist die Frage, wieso Wiesbaden gleich mehrere Bilder von Carl Schuch sein Eigen nennt. Da gibt es wohl Leihgaben – und jetzt zögert Forster etwas, nun ja die eigenen Werke seien „in schwieriger Zeit ins Museum gekommen“. Mir schwant es bereits, wir reden von den 1930er Jahren und Herrmann Voss. Der spätere Sonderbeauftragte des Führers war von 1935 bis 1943 Chef in Wiesbaden. Er gab viele Stücke, die auch nur nach „entarteter Kunst“ rochen, außer Haus und baute stattdessen eine Sammlung des 19. Jahrhunderts auf.

„Felsklippe in der Campagna“, 1870. Museum Wiesbaden

„Schuch wurde die deutsch-nationale Marke angeklebt“ sagt Dr. Roland Dorn, erster Vorsitzender der Carl Schuch Gesellschaft e. V. Bereits 1906, drei Jahre nach Schuchs Tod, waren seine Bilder in der Jahrhundertausstellung Deutscher Kunst in Berlin zu sehen. Diese Schau negierte alle modernen Tendenzen wie den Impressionismus und setzte auf traditionelle Kunst. Die Preise für Werke von Carl Schuch explodierten, Kunstsammler wie Karl Ernst Osthaus in Hagen, Museen in Berlin, Hamburg und Bremen kamen zum Zuge. Und das, weil die Witwe Schuchs alles auf den Markt geworfen hat, um schnell zu Geld zu kommen – erzählt Dorn. 25.000 Reichsmark war ein Bild von Carl Schuch vor 1918 wert, eines von Van Gogh vielleicht gerade mal an die 10.000 Reichsmark. Deutsch-national war in! Und Wiesbaden war früh dabei. Das jetzt vom Städel näher untersuchte Bild „Ingwertopf mit Zinnkanne und Teller“ wurde bereits 1918 erworben.

Eine zentrale Rolle soll – Dr. Roland Dorn lächelt grimmig – dabei der „Oberschlawiner“ Wilhelm Trübner gespielt haben. Nicht nur, dass der Maler in die Kunstwelt hinausposaunte, „er habe Schuch auf Stillleben abgerichtet“ – heißt: ihn quasi angeleitet. Sondern er hat den Nachlass gezielt vorsortiert und mit der Witwe auch zahlreiche lukrative Deals geschlossen.

„Stillleben mit Marasquinoflasche und Schale“. Museum Wiesbaden

Vielleicht ist Carl Schuch zum einen immer wieder in Vergessenheit geraten, weil ihm das „Deutsch-Nationale“ irrtümlich bereits früh und auch nach dem Zweiten Weltkrieg anhaftete. Wo er doch, wie die Frankfurter Ausstellung zeigt, eine große Nähe zu den Niederländern und den französischen Kollegen pflegte. Vielleicht ist uns Carl Schuch aber auch nicht so präsent, weil er sich zu Lebzeiten nicht selbst vermarkten musste. Von Hause aus vermögend, hat sich der in Wien geborene Maler nicht den Gesetzen des Kunstmarkts unterworfen, er musste nicht verkaufen, eher hat er andere wie etwa Wilhelm Trübner unterstützt.

Doch warum lohnt es sich eigentlich, Schuch wieder zu entdecken? Sie werden sehen: Der Maler ist ein Kolorist par excellence. Er hat die Welt mit seinen Augen erkundet und farbenprächtig, vor allem in den Dunkelschattierungen, auf die Leinwand gebracht. Zwar fehlt ihm das Spektakuläre, aber er sucht nach Ausdruck, er meidet das Flüchtige, er entwickelt wunderbare Farbharmonien, und seine Bilder sind kleine Symphonien an die Natur.

„Carl Schuch, Toter Fuchs, 1882 oder 1883“. Städel Frankfurt

Das Museum Wiesbaden besitzt einige davon, die jetzt durch die Städel-Ausstellung endlich einmal wieder zu Ehren kommen. Miriam Olivia Merz, hessische Provenienzforscherin mit Sitz am Wiesbadener Museum, weiß zu berichten, dass die Bilder im Haus permanent im Gespräch sind. So wurde „Bauerngehöft“ bereits 2012 restituiert, konnte aber danach für das Museum wieder erworben werden. Derzeit steht die Klärung zur Herkunft des Bildes „Stillleben mit Marasquinoflasche und Schale“ noch aus. Vielleicht kommt durch die Frankfurter Ausstellung jetzt wieder Schwung in die Sache und es gibt neue Hinweise zu den ursprünglichen Besitzern.

Schade eigentlich, dass man in Wiesbaden selbst derzeit nur einen einzigen Schuch in der Dauerausstellung sieht – es fehlt (noch) die Gemäldegalerie des 19. Jahrhunderts im geplanten Erweiterungsbau, den Dr. Peter Forster sich und uns allen sehnsüchtig wünscht (und für den jetzt auch von einem Wiener Architekturbüro die Entwürfe gemacht sind). Doch dank der Kooperation zwischen Wiesbaden und dem Städel gilt es, Carl Schuch jetzt am Main neu zu entdecken, nicht zuletzt die vier aus unserem Museum ausgeliehenen Gemälde.

Martina Caroline Conrad

 

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