Coming soon: Die Blauen Reiterinnen
Ein Blick hinter die Kulissen im Blauen Land
Hier im sanften Voralpenland, über das sich in der Dämmerung blaue Schatten legen, waren sie zu Hause: die weltweit berühmten Maler des Blauen Reiters. Heute gelten Wassily Kandinsky und Franz Marc, die 1911/12 diese Künstlergruppe initiierten, als Protagonisten der Moderne – damals waren sie arm und wollten die Kunst radikal verändern.

In einer Gartenlaube in Sindelsdorf wurde der Name erfunden. Kandinsky erinnert sich:
Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.
(Wassily Kandinsky: „Der Blaue Reiter“, [Rückblick] in: Das Kunstblatt 14, 1930, Maria Franck-Marc)
Anders als bei der Künstlergruppe Die Brücke, die eine reine Boygroup war, gab es im Dunst des Blauen Reiters auch Künstlerinnen. Bis heute aber stehen vorrangig die Männer und ihr Umfeld mit August Macke, Alexej Jawlensky, Alfred Kubin, Paul Klee und Arnold Schönberg im Mittelpunkt der Kunstgeschichtsschreibung. Die Frauen? Nur Gabriele Münter und Marianne von Werefkin sind einem breiteren Publikum ein Begriff. Die anderen? Kaum bekannt, vergessen …
Aber wer waren also die Blauen Reiterinnen? Sie alle waren mehr oder weniger mit den Künstlern liiert und agierten zusammen mit ihnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts im sogenannten Blauen Land, der Region rund um Murnau und Kochel am See. Heute einer der schönsten Orte ist dort das Franz Marc Museum hoch über dem Kochelsee. Unweit von hier lebten Franz und Maria Marc, doch bis vor kurzem hatte das Haus nicht mal ein Bild von Maria Franck-Marc. Anlässlich des 150. Geburtstages findet derzeit endlich die erste Einzelausstellung der Künstlerin statt. Und so war das ein schöner Anlass sich auf Spurensuche zu begeben. Aber vielleicht lieber von Anfang an …

Die Geschichte von Franz und Maria beginnt 1905 in München. Auf einem Kirchweih-Ball im Schwabinger Bräuhaus läuft man sich über den Weg – die ganze Künstlerszene soll vor Ort gewesen sein. Der 25-jährige Franz war damals gerade von einer Reise nach Paris und quer durch Frankreich zurückgekehrt, Maria studierte mit ihren 28 Jahren an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins (das Studium an Akademien war Frauen noch untersagt). Passiert ist nichts, Franz war noch mit der Ehefrau eines Professors verbandelt. Erst Ende des Jahres, nach dem schmerzlichen Aus der Beziehung, trifft man sich wieder, Franz und Maria beginnen eine Liebesaffäre. Schon im Februar 1906 besuchen beide dann zusammen die Region um Kochel. Franz hat hier in seinem geliebten Blauen Land schon seit seiner Kindheit viele Urlaube, später Malaufenthalte verbracht. Er mietet sich im Frühjahr eine Wohnung in dem kleinen ländlichen Ort, Maria folgt kurz danach. Also muss es in Kochel am See doch Spuren der Malerin geben, oder?

Der Name Franz Marc ist überall präsent – es gibt einen Franz-Marc-Rundweg, das Museum und eine Franz-Marc-Straße. Maria? Fehlanzeige. Allein auf Gemälden von Franz Marc taucht Maria auf!

Pikant übrigens, dass auf einem Bild von 1906, das Franz auf der Kohlleite oberhalb des Kochelsees gemalt hat, beide Frauen abgebildet sind, mit denen der Künstler parallel ein Verhältnis hatte: Maria und Marie Schnür, ebenfalls Malerin. Eine überaus schwierige Situation für Maria, die die Kohlleite „Thränenhügel“ genannt haben soll: Zum einen muss sie Franz teilen, der, um das Maß voll zu machen, auch noch gleichzeitig eine Amour Fou mit der verheirateten Künstlerin Annette Simon hatte; zum anderen sind Marias Eltern in Berlin von diesem Lotterleben überhaupt nicht begeistert. Zwar haben sie – der Vater ist Bankdirektor – das künstlerische Talent der Tochter schon während ihrer Schulzeit mit Klavier- und Gesangsunterricht gefördert, und Maria durfte eine Kunstschule besuchen, wurde als Zeichenlehrerin ausgebildet, später folgte die Damenakademie. Aber das freizügige Künstlerleben passt nicht ins Weltbild der bürgerlichen Familie. Bei einem Besuch in Berlin wird Maria gar „inhaftiert“ und darf wochenlang nicht nach Bayern zurück.

Aber was hat Maria eigentlich selbst gemalt? Heute sind rund fünfzig Bilder erhalten, vielleicht auch noch ein paar weitere unentdeckt in Privatbesitz. In der Ausstellung im Franz Marc Museum hängen dreißig Arbeiten aus privaten und öffentlichen Sammlungen, von denen viele seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Da gibt es Stillleben, Landschaften und Gartenbilder – dazu wird Kustos und Kurator Dr. Roman Zieglgänsberger mehr in der Wiesbadener Ausstellung ab Oktober erzählen. Nur vielleicht so viel: Maria malte neben Franz in der Freien Natur und suchte nach künstlerischen Wegen abseits der Tradition. So erinnert sie sich an einen Malaufenthalt von 1908:
Für meinen Mann konnten die Motive nicht hell und sonnig genug sein … So standen wir wochenlang dort und malten am selben Fleck – jeder suchte sich solch ein Bäumchen aus …

Beide malen gleiche Motive, und der Stil ist ähnlich. Maria nennt Franz ihren Mann, er malt auch mit Maria, ist aber damals gerade mit Marie Schnür verheiratet. Und das kam so: Marie hatte mit einem anderen Künstler ein uneheliches Kind, das sie aber nur als verheiratete Frau behalten durfte. Deswegen haben Franz und Marie im März 1907 geheiratet, doch noch in der Nacht war Franz nach Paris abgereist. Die Ehe dauert nur ein paar Monate, wird im Juli 1908 geschieden. Währenddessen und danach hat Franz immer Kontakt zu Maria Franck, die er auch gerne heiraten will. Doch Marie Schnür lässt Franz nicht gehen, hat ihn entgegen der Absprache des Ehebruchs bezichtigt, und erst 1913 können Maria und Franz aufgrund eines Dispenses endlich heiraten.
Auch wenn der ersehnte Kinderwunsch ausbleibt, verbringt das Paar Franck-Marc ab 1908 wohl glückliche und intensive Jahre im Blauen Land. Sie schließen 1910 eine enge Freundschaft mit August Macke und seiner Frau Elisabeth, 1911 begegnen sie im Münchner Salon von Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky auch dem Künstlerpaar Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, 1911/12 arbeiten alle am Almanach „Der Blaue Reiter“, der die Ideen der Künstler in die Öffentlichkeit tragen soll. Oft trifft man sich in Murnau im sogenannten Russenhaus, wo Münter und Kandinsky zusammen leben.

1912 werden Franz und Maria in Sindelsdorf heimisch, 1914 erwerben sie ein Haus in Ried bei Kochel am See. Beide Häuser sind heute in Privatbesitz, und nicht einmal Gedenktafeln erinnern an das Ehepaar Franck-Marc.

Franz und die Künstlerkollegen haben immerhin in Sindelsdorf Spuren hinterlassen. Aber Maria stand und steht immer im Hintergrund, als Künstlerin ist sie kaum präsent, allein in der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters 1912 stellt sie drei Kinderbilder aus. Hat Maria Franck-Marc ihre eigene Kunst nicht für wichtig erachtet? Vielleicht, so schrieb sie doch an ihre Freundin Elisabeth Macke:
Franz arbeitet sehr viel und ich male so für mich und probiere allerhand. An Ausstellen oder Mittun denke ich überhaupt nicht mehr.
Aber vielleicht lag das auch an ihrer rheumatischen Erkrankung seit 1907? Oft konnte sie während eines Krankheitsschubs den Pinsel nicht halten.
Später hat Maria dann Stickereien nach Gemälden von Franz gefertigt. Angeregt wurde sie dazu wahrscheinlich von der Künstlerin Sonya Delaunay, die sie zusammen mit Franz Marc 1912 bei einem Besuch in Paris kennengelernt hatte.

Es gibt sehr fantasievolle Bilder von Maria, in die sie auch volkstümliche Motive mit aufgenommen hat – parallel zur Hinterglasmalerei z. B. von Kandinsky, Münter und Marc. „Hirten auf dem Weg zur Krippe“ ist eine Szene zwischen Prozession und Inszenierung. Hier mischen sich die tiefe Religiosität der Alpenbewohner mit Anklängen an Karneval und Maskenball. Zum einen war das vielleicht die Sehnsucht Marias nach einem Kind, zum anderen aber auch nach der künstlerischen Ursprünglichkeit.

Das private Glück von Maria und Franz endet früh, Franz stirbt 1916 im Ersten Weltkrieg an der Front. Maria kümmert sich liebevoll um seinen Nachlass.
Dass Maria Franck-Marc eine Künstlerin war, die es zu entdecken gilt, werden Sie im Oktober in der Wiesbadener Ausstellung sehen. Wie schwierig das Leben als Künstlerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, ist Ihnen vielleicht beim Lesen klar geworden. Auch unter den Künstlerinnen gab es wohl einiges an Neid und Zwietracht. So ist in Briefen zwischen Maria Franck-Marc und Elisabeth Macke zu lesen, dass die Künstlerin Gabriele Münter eher etwas verächtlich auf die anderen beiden herabgesehen hat, die die Ideen und Diskussionen ihrer Männer (Marc und Macke) getreulich aufgeschrieben haben.
Martina Caroline Conrad