Das Vordemberge-Gildewart-Stipendium 4.0
Aktuelles Kunstgeschehen im Museum Wiesbaden
Als das Museum Wiesbaden im Jahr 2023 angefragt wurde, erneut das Vordemberge-Gildewart-Stipendium auszurichten, war die Freude groß. Bereits dreimal bildete das Museum den Rahmen für die Vergabe des hochdotierten Stipendiums. 1997, 2004 und zuletzt 2012 hatten junge Künstlerinnen und Künstler aus der Region die Chance, mit 60.000 Schweizer Franken gefördert zu werden – 2025 also erneut. In der Ausstellung Vordemberge-Gildewart-Stipendium 4.0 präsentieren sich 14 künstlerische Positionen, aus denen eine Jury, bestehend aus sieben internationalen KunstexpertInnen, eine Gewinnerin oder einen Gewinner auswählt.

Die Aufgabe von Jörg Daur und mir bestand also im Vorfeld darin, die unterschiedlichen Kunstinstitutionen des Rhein-Main-Gebiets und Kassel zu besuchen sowie geeignete Künstlerinnen und Künstler für die Ausstellung auszuwählen. Seit über einem Jahr waren wir auf Rundgängen durch die Kunsthochschulen, Gruppen- und Einzelausstellungen in Kunstvereinen und Galerien unterwegs, haben uns mit Kollegen und Kolleginnen anderer Museen ausgetauscht und Ateliergemeinschaften besucht.
Das Besondere an dem Vordemberge-Gildewart-Stipendium ist nicht nur die außergewöhnlich hohe Dotierung im Vergleich zu anderen Kunstpreisen, sondern auch die Offenheit für alle Medien, mit denen die Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Eine der wenigen Einschränkungen bei der Auswahl ist das Alter, das 35 Jahre nicht überschreiten darf. Das explizite Ziel der Stiftung, die 1983 von Ilse Leda nach dem Tod ihres Mannes Friedrich Vordemberge-Gildewart ins Leben gerufen wurde, ist es, dass eine junge kunstschaffende Person – häufig genau im Übergang zwischen Akademie und Etablierung im Kunstbetrieb – für ein Jahr sorgenfrei leben kann, ohne sich zusätzlich auf den Broterwerb konzentrieren zu müssen. Und ohne Rechenschaft ablegen zu müssen, für was das Geld ausgegeben wurde. Mit dieser gewonnenen Freiheit und ohne den Druck, unter dem Künstlerinnen und Künstler gerade in jungen Jahren stehen, kann ganz neue Kreativität entstehen und Potenzial ausgeschöpft werden.

Neben all der Freude, die wir bei der Auswahl und der Arbeit für die Stipendiums-Ausstellung hatten, war uns gleichzeitig die Verantwortung bewusst, die unsere Entscheidung mit sich bringt. Uns war es wichtig, ein breites Spektrum der Kunstproduktion aus der Region zu repräsentieren und uns dabei nicht auf einige wenige Medien zu beschränken. Nur eine Position erhält am Ende das Stipendium, aber auch die Ausstellung in unserem Landesmuseum mit einer breiten Publikumswirksamkeit sowie die begleitende Publikation stellen für junge Kunstschaffende eine spannende Perspektive dar.

Die Kunsthochschule Mainz, die Städelschule Frankfurt, die Hochschule für Gestaltung Offenbach und die Kunsthochschule Kassel waren Ausgangspunkte für unsere ersten Sichtungen. Bei den Werken, die uns angesprochen haben, bei den Künstlerinnen und Künstlern, bei denen wir Potenzial gesehen haben, wurden Portfolios und – wenn vorhanden – Kataloge angefordert. Aus diesem Pool an sehr spannenden jungen Talenten haben wir im Anschluss 16 Künstlerinnen und Künstler, darunter zwei Duos, ausgewählt. Diese wurden eingeladen, für die Ausstellung zwei Werke einzureichen, auf deren Grundlage dann die externe Jury eine oder einen Stipendiaten auswählt. Während der Vorbereitungen war es nicht immer einfach, ein klares Bild vor Augen zu haben, wie die Ausstellung am Ende aussehen würde. Denn einige Werke befanden noch im Entstehungsprozess. Außerdem war es eine spannende Herausforderung, die einzelnen Positionen gleichermaßen gut zu präsentieren, da die Räumlichkeiten von Anfang an festgelegt waren. Die hohe Qualität der einzelnen Arbeiten machte es uns dann aber doch leicht, zu einer passenden Zusammenstellung zu gelangen.

Der diesjährige Preisträger des Vordemberge-Gildewart-Stipendiums heißt Augustine Paredes. Ausgewählt wurde der von den Philippinen stammende Künstler für die Vielschichtigkeit seiner ausgestellten Arbeiten und für das Potenzial, das die Jury in seiner Herangehensweise sieht.
In der Laudatio der Jury heißt es:
Seine künstlerische Recherche dreht sich um die koloniale Vergangenheit der Philippinen und die eigene Erfahrung der Diaspora. Ausgangspunkt der gezeigten Gemäldeserie Darlings Between Fires sind Fotos aus verschiedenen Archiven – philippinischen, japanischen und amerikanischen –, die Filipinas und Filipinos auf Mindanao während des Pazifikkriegs zeigen. Während diese Dokumente von Fremdherrschaft und Objektifizierung erzählen, zeugt deren sorgfältige materielle Neuinterpretation durch Paredes von einem behutsamen Umgang mit den Opfern der Geschichte und den Fragen nach Erinnern, Vergessen, Weitererzählen trotz allem und Wiederaneignen.

Dabei befragt Paredes nicht zuletzt auch den Wahrheitsanspruch der Fotografie – ein Thema, das die Gemälde mit dem Objekt Glory verbindet. In gekonnter minimalistischer Reduktion werden darin ein Beichtstuhl und ein Fotoautomat modellhaft gekreuzt und damit zwei ganz unterschiedliche gesellschaftsprägende Größen gepaart – die Religion und die Fotografie –, die beide Deutungshoheit für sich beanspruchen. Hier blitzt, gerade im Zusammenhang mit dem Titel Glory, ein Funke Humor auf, ohne dass dabei die Ernsthaftigkeit der Thematik untergraben würde.
Wir gratulieren Augustine zu dem erhaltenen Stipendium und freuen uns sehr mit ihm.

In der Ausstellung zu sehen sind außerdem:
Berit Spieß, Elisa Diaferia & Juri Simoncini, Gregor Lau, Jana Köhle & Dominik Münch, Kaitong Zhang, Klara Schnieber, Kora Riecken, Nazanin Hafez, Paul Haas, Sonja Yakovleva, Tatjana Stürmer, Theresa Lawrenz und Tobias Becker.
Anders als bei kunsthistorischen Ausstellungen ist die Arbeit mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern auch für uns Kuratorinnen und Kuratoren spannend und immer wieder neu. So nah an der Entstehung von Kunst sind wir selten, und es war uns ein großes Vergnügen, Teil des Prozesses dieser kreativen Köpfe gewesen zu sein.
Zu sehen ist die Ausstellung Vordemberge-Gildewart-Stipendium 4.0 noch bis zum 30. November 2025 im inneren Rundgang der Galerie. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!
Valerie Ucke