Die Wiederentdeckung von Georg Lührig
Märchen, Mythen, Monumentalgemälde
Da gibt es die Geschichte des Rübezahl, es gibt die Geschichte des Neids, und es gibt die Geschichte vom Nachlass. Oh je, wo anfangen? Leicht könnte aus der Geschichte um Georg Lührig ein Fortsetzungsroman werden …
Aber vielleicht der Reihe nach, wie Kurator Dr. Peter Forster überhaupt auf die Idee kam, Georg Lührig für uns wieder zu entdecken. Spätestens seit der Schenkung der Sammlung Neess an das Museum ist hier der Jugendstil zuhause, und eben dieser Georg Lührig war ein Meister des Symbolismus und des Jugendstils in Dresden. Bereits bei der großen Oskar- Zwintscher-Ausstellung vor drei Jahren – Sie erinnern sich an den sächsischen Maler des Jugendstils – präsentierte Dr. Peter Forster auch einige Bilder von Zeitgenossen, darunter den wunderschönen Pelikan von Georg Lührig.

Und alle waren so begeistert, dass das Museum sogar fünf Werke von Georg Lührig für die Sammlung angekauft hat. Irgendwann klingelte dann das Telefon bei Forster und ein gewisser Helmut Lührig überschüttete den Kurator mit Dankesworten, dass „die Freude groß sei, weil endlich jemand den Pelikan ausstellt“. Im Laufe des Gesprächs offenbarte sich die Geschichte des Nachlasses:
Georg Lührig, 1868 in Göttingen geboren, hatte schon mit 15 Jahren seine erste Ausstellung, er studierte später in München und Dresden, wurde selbst Professor und Rektor der Kunstakademie Dresden, starb 1957 in Lichtenstein/Sachsen. Doch wo war das Erbe geblieben? Irgendwo in der DDR, nicht zugänglich … Die Erben im Westen haben geforscht und angefragt, viele Jahre ohne Erfolg, es soll sogar eine Stasi-Akte dazu geben. Erst als sich der Politiker Oskar Lafontaine einschaltet und Staranwalt Dr. Wolfgang Vogel einen Vergleich erwirkt, gelangen nach einer stattlichen Geldzahlung im September 1988 Kisten und Mappen in den Westen. Vieles ist allerdings verloren gegangen, wurde vielleicht auch unter der Hand verkauft, einiges musste dort bleiben. Was dann aber an die Erben ging, lagerte bis vor drei Jahren in einem Leverkusener Keller.

Eine wahre Schatztruhe, doch bereits dem Untergang geweiht. Schon bei seinem ersten Besuch sichtete Dr. Peter Forster unzählige Papierfische, die sich von den Grafiken ernährten. Viele großformatige Leinwände lagerten zusammengerollt über- und nebeneinander. Da konnte nur noch eine sofortige Taskforce helfen. Der Kustos des Museums Wiesbaden bat die Kulturstiftung der Länder um Geld für die Restaurierung. Viel zu teuer, war die Antwort. Doch Beharrlichkeit zahlt sich aus, und mit Hilfe des Freundeskreises der Kulturstiftung konnte die Arbeit im Museum beginnen – beim Papier war mehr zu tun, die Restaurierung der Malerei aber war viel teurer.

Warum nun hat das Werk von Georg Lührig diesen Aufwand eigentlich verdient? Das ist eine andere Geschichte … Lührig, heute total vergessen, oder kennen Sie ihn? Lührig war zu Lebzeiten eine feste Größe der Kunstszene in und um Dresden. Er hatte eine Mal- und Zeichenschule für Damen, erhielt 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis die Goldene Medaille, war Gast bei König Carol I. und Königin Carmen Sylvia in Rumänien und, und, und … Ehrungen und Mitgliedschaften in Künstlergruppen ohne Ende. Glaubt man Dr. Peter Forster, und das sollte man unbedingt tun, dann ist Georg Lührig ein Meister des Symbolismus und des Jugendstils. Mythisch sind seine Landschaften …

Und während ich so die Bilder in der Ausstellung in Wiesbaden betrachte, höre ich hinter mir eine energische Stimme des Aufsichtspersonals: „Diese große Tasche dürfen Sie nicht hier mitnehmen, die gehört in die Garderobe.“ „Doch. Doch, die muss hier sein, das sind die Briefe“, sagt eine andere Stimme. Und als ich mit dem älteren Herrn ins Gespräch komme, erzählt er mir, dass er seit 53 Jahren diese Briefe von Georg Lührig, die Korrespondenz mit Künstlerfreunden, hütet. In einer einfachen Plastikeinkaufstüte trägt er sie jetzt durch die Gegend! Diese Geschichte lesen Sie am besten im Katalog nach …

Und dann ist da doch noch die Geschichte des Rübezahl. Über 6 Meter hoch und 2,41 Meter breit. Dieses sagenhafte Bild, Rübezahl der Berggeist aus dem Siebengebirge, schmückte als Fresko 1909 die Volksschule in Dresden-Cotta. Georg Lührig hatte alles daran gesetzt, diesen Auftrag zu erhalten. Dresden war um 1900 eine aufstrebende Stadt, im Elbflorenz des Ostens wurden zahlreiche öffentliche Gebäude errichtet, und Lührig sah sich als Monumentalmaler. Übrigens ist diese Geschichte eng verbunden mit jener der „Neider“. Schon 1904 hatte Georg Lührig mit seinen Entwürfen „Wanderer I“ und „Wanderer II“ den Wettbewerb um die Ausschmückung des Treppenhauses im damaligen Kulturministerium gewonnen. Vier Jahre lang wurde dagegen intrigiert, und als 1908 wirklich der Auftrag zustande kam, weigerte sich der Künstler, den Entwurf zu ändern. Stattdessen entwarf Lührig jetzt die Gegenüberstellung von „Tag und Nacht“ mit dem symbolischen Sieg des Lichts. Leider alles 1945 zerstört!

Und das ist der nächste große Coup der jetzigen Wiesbadener Ausstellung: Ein Team hat anhand von Entwürfen und Fotos zerstörte Monumentalfresken rekonstruiert. Zu sehen und ausführlich zu betrachten anhand von Digitalbildern in der Ausstellung.
Georg Lührig war, das wird spätestens jetzt klar, also kein Unbedeutender. Dresden um 1900 war ein Zentrum des Symbolismus und Jugendstils neben Berlin und München. Aber Dresden hatte eine ganz spezielle Ausprägung: Schönheit und Vergehen waren zentrale Motive und immer wieder der nackte Körper. In der Ausstellung gibt es hier einen Akt, dort einen Akt und rund um uns herum Akte. Es ist die Zeit der Lebensreform, die Frauen befreien sich aus dem Korsett, FKK kommt in Mode. Und Georg Lührig hat da anscheinend fleißig mitgemacht. Er war eingebettet in einen Künstlerkreis mit gleichen Ambitionen um Sascha Schneider und Oskar Zwintscher. Sie alle haben Künstlerinnen als Ehefrauen genommen. Georg Lührig war damals eine Art Star in Dresden, er wurde vom Münchner Malerfürsten Franz von Stuck sehr geschätzt, er berief Oskar Kokoschka an die Akademie.

„Wiesbaden ist der richtige Ort für die Wiederentdeckung von Georg Lührig“, sagt Museumsdirektor Dr. Andreas Henning. Hier hat der Dresdner Maler bereits 1915 an der Eröffnungsausstellung des heutigen Museums teilgenommen, er war mehrfach in Galerien vertreten. Mit der Jugendstilsammlung ist das Haus führend in Bezug auf den deutschen Jugendstil, und durch Georg Lührig wird der Schwerpunkt jetzt ausgebaut. Denn, so Dr. Andreas Henning, „die Wiederentdeckung ist die vornehmste Aufgabe eines Museums“. Noch dazu, wenn das Museum dadurch um 32 Arbeiten reicher wird. Das ist der Lohn für die Arbeit von Kurator Dr. Peter Forster – diese Werke von Lührig verbleiben nach der Sichtung, Aufarbeitung und Restaurierung im Museum. Allein, dass die Kulturstiftung der Länder und die Siemens Stiftung hier viel Geld investiert haben, unterstreicht die Bedeutung.
Doch wir alle sollten uns auch im Klaren darüber sein, dass um 1900 die Kunst oft rassistische und sexistische Stereotype transportierte. Auch das ist die Aufgabe des Museums: diese heute offenzulegen und richtig einzuordnen. Und das leistet das Wiesbadener Museum, dazu erzählt es uns viele Geschichten um Kunst und Künstler. Genießen Sie sie!
Martina Caroline Conrad