KunstStücke
Eine ganz besondere Freundschaft
Es ist ein lauer Sommernachmittag, und auf der Fahrt Richtung Wiesbaden entscheide ich mich spontan zu einem Museumsbesuch. Das Museum Wiesbaden ist für mich zu einem Ort des Rückzugs und der Entspannung geworden. Hier kann ich mich in die Kunst flüchten und in fremde Welten vertiefen.
Besonders der Expressionismus hat es mir angetan, lädt die Farbenpracht doch besonders zur Meditation ein. Dort, wo gerade noch Bienen die Kunstwelten durchsummten, ist nun eine neue Sonderausstellung eingezogen. „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“ lädt nicht nur in die Welt der Moderne ein. Diesmal werden auch die Sammler und Sammlerinnen in den Blick genommen.
Die Schau zeigt auch Werke Karl Schmidt-Rottluffs. Er ist der Lieblingskünstler eines mir befreundeten Malers. Wann immer ich an Schmidt-Rottluffs Bildern vorbeischreite, sende ich einen Gruß aus Wiesbaden nach Bremen zu meinem Vertrauten. Doch diesmal ist es nicht nur ein flüchtiger Schnappschuss. Zwischen Landschaften und dem Selbstbildnis mit Zigarre blickt mich eine Frau an. Lächelnd, freundlich, in sich ruhend wirkt sie auf mich. Schon öfter stand ich vor ihrem Portrait. Sie schaut stolz, aber nicht abwertend, sodass ich sofort das Bedürfnis habe, mich mit ihr auszutauschen. Ihr Gesicht und ihr Name sind mir durchaus vertraut, schließlich ist Hanna Bekker vom Rath in der Kunstwelt eine wichtige Instanz. Und doch habe ich mich bisher viel zu wenig mit ihr auseinandergesetzt. Das Bildnis aus der Hand Karl Schmidt-Rottluffs zieht mich in den Bann. Ihre rote Bluse steht im starken Kontrast zu den Grüntönen, die vor allem in Konturen Einsatz finden. Obwohl hierdurch ein unnatürlicher, fast schon sphärischer Schein entsteht, wirkt das Motiv nicht grell. Sie tritt eher aus der realen Welt heraus und wird zum Bild. Zur Farbe. Und doch … irgendwas lässt sie besonders lebendig erscheinen.

Hannas Augen sind ausdrucksstark. Sie blickt in die Ferne, aus dem Bild heraus nach links oben. Ob sie über etwas nachdenkt oder gerade ein anderes Kunstwerk betrachtet? Oder ist es ein demütiger Blick zu Gott? Fast katzenhaft sind ihre Augen. Groß und wach. Das untere Lid leicht zu einem warmen Lächeln erhöht. Vielleicht setzt sie zum charakteristischen Zwinkern an, das Benno Walldorf vortrefflich in einem Portrait von ihr festgehalten hat.
Auf Schmidt-Rottluffs Bild ist Hanna Bekker schon älter. Das verraten ihre weißen Haare und die Falten in ihrem Gesicht. Aber sie wirkt nach wie vor stark und vital. Eine Frau, die weiß, wer sie ist und sich trotz allem nicht darauf ausruht.
Ich beginne mit Recherchen – und so, wie ich mich im Museum zunächst im Portrait verloren habe, tauche ich nun in ihre Biografie ein. Hanna Bekker wird am 7. September 1893 als Johanna Emy Adele vom Rath in Frankfurt geboren. Der Titel „vom Rath“ ist dabei wohlbemerkt kein Adelstitel. Nichtsdestotrotz stammt sie aus gutem Hause, was ihr in jungen Jahren eine gute Ausbildung zusicherte. Die Liebe zur Kunst schien sie in gewisser Weise in den Genen zu haben. Ihre mütterlichen Urgroßeltern Jakob und Wally Becker waren bereits als Professor für Genre- und Landschaftsmalerei am Städelschen Kunstinstitut (Jakob) und als Pianistin (Wally) tätig. Hanna besaß das absolute Gehör und war in ihrer Jugend von der Kunst fasziniert. Ihre Ausbildung bei Künstlerinnen wie Ottilie W. Roederstein und Ida Kerkovius sowie bei dem Künstler Adolf Hoelzel schulte nicht nur ihr eigenes künstlerisches Talent, sondern wahrhaftig ihren Blick und führte zu einem Netzwerk, über das sie mit vielen weiteren Kunstschaffenden in Kontakt kam. Von ihrer Lehrerin Ida Kerkovius erstand sie einige Bilder, wodurch sie auch eine finanzielle Stütze für die begabte Künstlerin der Moderne wurde.
Hanna Bekker vom Rath war alles in einem: Malerin, Sammlerin, Vermittlerin. Eines ihrer ersten Sammlungsobjekte fand sie bereits als 16-Jährige auf einem Besuch im Antiquariat. Ein hölzerner Christus-Torso, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, faszinierte sie. Heute gehört er – wie vielerlei Werke aus dem Nachlass Hanna Bekkers – zur Sammlung des Museums Wiesbaden.

Über ihr Engagement in der Kunst ergaben sich unzählige Freundschaften. Darunter auch zu Karl Schmidt-Rottluff, mit dem sie über Jahre Kontakt hatte und dem sie sogar ein Atelier einrichtete. Zwischen 1928 und 1930 fand womöglich die erste persönliche Begegnung zwischen dem eher zurückhaltenden Schmidt-Rottluff und der Mäzenin statt. Es wird vermutet, dass kein geringerer als Jawlensky den Kontakt herstellte. [1]
1932 meldete sich Hanna Bekker als Schülerin in Schmidt-Rottluffs Kursen an der Malschule Bloch-Kerschbaumer an. Ab 1933 reiste der Maler jährlich – unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg – nach Hofheim, um Hanna Bekker zu besuchen und in seinem Atelier tätig zu sein. Die Freundschaft bestand trotz des Krieges weiter, indem sich Karl und Hanna brieflich über das Schicksal gemeinsamer Freunde und ihren jeweiligen Lebensweg austauschten. Dabei war Hanna eine besondere Stütze für den Mann, der 1937 als „entarteter Künstler“ diffamiert, 1941 unter Berufsverbot gestellt wurde, und nach der Ausbombung seines Berliner Ateliers zur Umsiedelung nach Chemnitz gezwungen war. Nach dem Krieg wurde er rasch rehabilitiert und gilt bis heute als einer der bedeutendsten Vertreter des Expressionismus. Sein Talent wurde aber schon zu Lebzeiten von seiner Freundin erkannt. Hanna Bekker veranlasste ganze elf Ausstellungen zu Schmidt-Rottluff im Frankfurter Kunstkabinett. „Er war damit der Künstler, der von ihr mit Abstand am häufigsten präsentiert wurde.“ [2]
Diese enge Verbindung erklärt die besondere Bedeutung des Portraits. 1952 gemalt, zeigt es Hanna Bekker als Vertraute Schmidt-Rottluffs. In ausdrucksstarken Farben und einer gezielten Mimik präsentiert er eine Freundin. Modern und stilvoll, sphärisch von einer Aura umgeben und dennoch bodenständig. Das Gemälde gehörte nach Hannas Tod Marian Stein-Steinfeld, Hannas Enkelin und Leiterin des Archivs Hanna Bekker vom Rath, die auch Mitglied im Förderverein Freunde des Museums Wiesbaden ist. Sie gab das Werk 2013 als Schenkung an das Museum Wiesbaden. Die Freunde des Museums konnten 2018 bereits ein Interview mit Marian Stein-Steinfeld führen, in dem unter anderem über Erinnerungen an ihre Großmutter gesprochen wurde.

Übrigens war auch HAP Grieshaber, der 2023 in einer Sonderausstellung im Museum gewürdigt wurde, eine Freundschaft mit Hanna Bekker vom Rath zuteil. Er stellte mehrfach im Frankfurter Kunstkabinett aus, nachdem er Hanna 1953 über seine Lehrtätigkeit an der Bernsteinschule kennengelernt hatte. Hierbei entstand unter anderem das Ausstellungsplakat „Paar unter Zweigen“, das in der Schau 2023 besichtigt werden konnte. Nach eingehender Beschäftigung mit der Person Hanna Bekkers stelle ich fest, dass Schmidt-Rottluffs Portrait ihren Charakter vortrefflich vermittelt. Ich werde sie bedauerlicherweise nicht mehr persönlich kennenlernen – Hanna Bekker vom Rath verstarb am 8. August 1983 –, doch ihr Lebenslauf verrät viel. Sie war eine warmherzige Frau. Stark und voller Engagement. Ihr finanziell gut aufgestelltes Elternhaus nutzte sie nicht zur persönlichen Bereicherung oder fürs Prestige, sondern für die Kunst und die Menschen, die diese liebte. Obwohl ein Gespräch nicht mehr möglich erscheint, werde ich beim nächsten Besuch des Museums wieder an ihrem Bildnis innehalten und mit ihr in den stillen Dialog gehen. Dafür danke ich nicht nur Hanna Bekker und Karl Schmidt-Rottluff, sondern auch Hannas Enkelin, die eine Schau dieses ausdrucksstarken Gemäldes für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Ohne Sammlerinnen und Sammler geht es eben nicht!
Antje Schilling
Zur Person
Antje Schilling, Germanistik M.A. sowie zweites Staatsexamen im Lehramt für die Fächer Philosophie und Deutsch, war bis Januar 2023 als Lehrerin in Brandenburg tätig. Nach ihrer Rückkehr ins Rhein-Main-Gebiet hat sie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein Studium der Kunstgeschichte und Publizistik (im B.A.-Studiengang) aufgenommen. Zudem ist sie im Dommuseum Mainz in der Leitung der Museumspädagogik tätig. Kunst und Literatur erfüllen sie mit Freude und wecken ihre Neugier immer wieder aufs Neue. Das Museum Wiesbaden empfindet sie als eines der schönsten Kunsthäuser der Region. Gerne ist sie Mitglied bei den Freunden geworden und schätzt deren vielfältige Angebote sehr. Unter den Freunde-Mitgliedern hat sie bereits gute Bekanntschaften knüpfen können. (red)
Quellen
[1] Vgl. Stein-Steinfeld, Marian: Hanna Bekker vom Rath – handelnde für Kunst und Künstler: Biografie der Malerin, Mäzenin, Sammlerin und Vermittlerin, Hg.v. Clemens Greve, Frankfurt am Main : Verlag Frankfurter Bürgerstiftung 2018, S. 129
[2] Bild und Selbstbild / Karl Schmidt-Rottluff, Hg.v. Magdalena M. Moeller und Roman Zieglgänsberger, Museum Wiesbaden, Brücke Museum Berlin, München: Hirmer 2015, S. 42.
Weitere verwendete Literatur: Fuchs, Ulrike: Die Kunstvermittlerin Hanna Bekker vom Rath: die Anfänge des Frankfurter Kunstkabinetts. Frankfurt, M. : PL Acad. Research 2013. Jähner, Horst: Künstlergruppe Brücke: Geschichte – Leben u. Werk ihrer Maler, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz : Kohlhammer 1984