Entdeckungstour, Teil 1

August Mackes „Heilige Familie“

Roman Zieglgänsberger, Kustos der Klassischen Moderne und Kurator der Macke-Ausstellung „Paradies! Paradies?“ hätte keinen besseren Einstieg für unsere Entdeckungstour auf der Freunde-Website wählen können als den Blick auf die Familie des so jung gestorbenen Expressionisten. Spannend, zu erfahren, wie Ehefrau Elisabeth und die Kinder Niederschlag in seinen Werken finden.


Momentan findet man sich plötzlich wieder zurückgeworfen auf die kleinste Einheit, auf seine Wohnung, seine Menschen, seine Familie. Das äußerliche Leben wurde erneut heruntergefahren, auch das kulturelle wurde eingeschränkt, wo man doch gerade in der Auguste Macke-Ausstellung hätten sehen können, dass die Familie als harter Kern des Daseins nicht nur in Pandemiezeiten essenziell ist.

Der Künstler ist ja bekannt wie beliebt für seine Familienbilder. Es gibt unzählige Gemälde, Aquarelle, Ölskizzen und Zeichnungen, in denen Macke sein direktes familiäres Umfeld schilderte. Immer wieder begegnet man seiner Jugendfreundin und späteren Frau Elisabeth, deren Darstellung er so liebevoll wie zärtlich in seine Bildwelten einwob. Mal erblicken wir sie stickend auf dem Balkon, mal selbstvergessen nachdenklich-„futuristisch“ aus dem Fenster in die Zukunft blickend, mal lesend und sich selbst genügend auf der Couch.

August Macke Lesende Frau in der Sofaecke, 1910, Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe Stiftung Kunst der Sparkasse in Bonn (Foto: Kunstmuseum Bonn/Reni Hansen, Wolfgang Morell)

Doch woran liegt es, dass man sich als Besucher, der sich dieser zarten Zeichnung in unserer Ausstellung gegenübersieht, am liebsten sogleich neben und zu Elisabeth auf die Couch dazukuscheln möchte? Die junge Frau erscheint – so geschildert durch August Mackes Augen – ja fast als unberührte irdische Heilige, auf die wir durch ihn einen intimen Blick werfen dürfen. In keinem Moment entsteht das fragwürdige Gefühl des Bedrängens oder Störens, weder fühlen wir uns unwohl noch scheint sie sich so zu fühlen, was ja erstaunlich ist bei einer derartig privat wirkenden, häuslichen Situation, in die wir Einblick erhalten. Es wird allein Gemütlichkeit und Geborgenheit vermittelt – wir sind schlicht Teil des sicheren Hafens, die die Familie für August Macke war und aus dem heraus er Selbstbewusstsein für seine progressive Kunst zog.

August und Elisabeth Macke mit Wolfgang und Walter, 1913 (Foto: Kunstmuseum Bonn)

Wie „heilig“ die Familie für August Macke war, geht auch aus einem hochoffiziellen Familienfoto hervor. Es entstand 1913, kurz nachdem sein zweiter Sohn Wolfgang geboren wurde, was wohl der Anlass für die Aufnahme gewesen sein dürfte. Hat man die pyramidale Komposition des Fotos einmal bewusst wahrgenommen, kommt man nicht umhin, an Darstellungen der Heiligen Familie der italienischen Hochrenaissance zu denken, etwa an Raffael, der genau hierfür weltberühmt ist. Macht man sich den Spaß und spielt den Vergleich des „Personals“ durch, ist Elisabeth im Zentrum Maria, der 1910 geborene Walter Johannes der Täufer, Wolfgang das Jesuskind auf dem Schoß der Madonna – und Macke wird zum Josef, eine Rolle, die er als beschützendes Familienoberhaupt sehr elegant und weniger als grober Zimmermann übernimmt. Selbst der Hund unten links im Bild könnte als Lamm interpretiert werden, das bei derlei Darstellungen als Omen nicht selten mit von der Partie ist.

Hat man diese sicherlich auch humorvoll gemeinte, ironisch gebrochene Analogie erkannt, die vermutlich dem Foto ein wenig den allzu tiefen Ernst nehmen sollte, vermag plötzlich in dem religiösen Bild „Flucht nach Ägypten“ in unserer Ausstellung, in dem sich Macke künstlerisch mit der Malerei eines Henri Matisse oder Henri Manguin auseinandersetzte, eine unter der stilistischen Oberflächlichkeit tiefer liegende, biografische Ebene erkennbar werden.

August Macke, Flucht nach Ägypten, 1910, Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe aus Privatbesitz (Foto: Kunstmuseum Bonn / Reni Hansen, Wolfgang Morell)

Das Gemälde mit dem vorausgehenden, aber zurückschauenden Josef, der tief in einen Mantel gehüllten Maria auf dem Esel und dem kaum sichtbaren Jesuskind, das es vor Herodes durch die Flucht nach Ägypten und dann weiter bis nach Galiläa durch mehrere Ortswechsel zu retten galt, ist 1910 entstanden. Ein Grund, warum August Macke mit Elisabeth nach ihrer Hochzeitsreise (Paris) nicht nach Bonn, wo sie eigentlich bei ihrer wohlhabenden und etwas konservativen Familie lebten, zurückgingen, war ihre „voreheliche“ Schwangerschaft. Der erste Sohn Walter wurde im „Exil“ in Tegernsee im April 1910 geboren. Ob August Macke nun das Bild malte, weil sie sich aus Bonn vertrieben sahen oder ob er sich darauf nach der Geburt mit seinem Sohn und seiner Frau auf dem Weg von Oberbayern zurück nach Bonn zeigte, wo sie Ende 1910 eintrafen, ist vielleicht gar nicht so essentiell für das Bild. Entscheidend ist, dass für Macke seine Familie heilig war und genau das schwingt unterschwellig auch in diesem Werk mit. Und wenn man selbst als heilige Familie fliehen bzw. umherziehen muss, bedeutet dies, dass sich jedes Paradies, erscheint es noch so allumfassend sicher zu sein, blitzartig ins Gegenteil verwandeln kann.

Bleibt zu hoffen, dass das Macke-Paradies in unserem Museum, aus dem wir zurzeit vertrieben sind, bald wieder zugänglich ist. Nicht zuletzt damit der „Tempel der Kunst“ wieder allen „Freunden des Museums“ gehört.

Roman Zieglgänsberger

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