Entdeckungstour, Teil 2

Drei Paradies-Bilder?

August Macke suchte sich einerseits Orte, wo er schöpferisch sein konnte und die seiner Idealvorstellung von paradiesischer Einheit zwischen Mensch, Natur und Kunst möglichst nahe kamen. Andererseits verwandelte er die Welt, in der er sich bewegte, in seinen Bildern in idyllische Orte. Da in jedem dieser Bilder jedoch die Realität durchscheint, ist Macke kein Heile-Welt-Maler. Im Gegenteil: Seine Gratwanderung macht erst recht bewusst, wie fragil das Paradies ist.

Idyllisch. Doch eigentlich wird gearbeitet … August Macke, Kinder am Brunnen mit Stadt im Hintergrund, 1914, Kunstmuseum Bonn (Foto: Kunstmuseum Bonn/David Ertl)

Dies war im Herbst 1913 das Dorf Hilterfingen am Thuner See in der Schweiz. Dorthin zog sich der Künstler mit der Familie zurückzog, weil er in Bonn aufgrund seiner vielfältigen kuratorischen Tätigkeiten kaum noch zum Malen gekommen war. Hier entstand das Gemälde „Kinder am Brunnen“, das das Cover-Motiv unseres Ausstellungskatalogs geworden ist. Man kann aus ihm direkt ersehen, wie sehr Macke daran gelegen war, das Positive im Leben in seinen Bildern herauszustreichen: Denn eigentlich handelt es sich bei den Figuren im Bild ja nicht um Kinder, vielmehr um drei junge Frauen mit blauen, schürzenähnlichen Überkleidern, die sich am Brunnen keineswegs zum Spielen treffen (wie der Titel nahelegt), sondern schlicht die Wäsche machen. Gemeinsam mit der zentralen Figur betreten wir von links kommend die „idyllische“ Szenerie. So wird nicht nur die soeben eintreffende Frau, sondern auch der Betrachter von der im Hintergrund stehenden Freundin begrüßt und herbeigewinkt. Dass nicht der geringste Hauch von Arbeitsatmosphäre entsteht, dafür sorgte Macke neben der arkadischen Grundstimmung mit einem Ausblick auf ein sonniges Städtchen im Hintergrund. Dass die Wäsche „kinderleicht“ von der Hand geht, liegt demnach am großen kompositorischen Können August Mackes, der jedwedes Negative ausschloss, indem er das Schöne betonte und die Arbeit weit, weit in den Hintergrund rückte.

Anfang Januar 1914 besuchten Paul und Lily Klee das Ehepaar August und Elisabeth Macke in Hilterfingen. Klee schlug Macke und Louis Moilliet eine Reise nach Tunis vor, die 14 Tage währen sollte und im April stattfand. Klee, der bis dahin Farben nur zögerlich einsetzte, entdeckte diese dort für sich, was er am 17. April in einem im Nachhinein berühmt gewordenen Zitat enthusiastisch in seinem Tagebuch festhielt: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“

Und auch in Mackes Aquarellen von der Tunisreise setzte sich – sehr wahrscheinlich aufgrund der ungeheuren Intensität der ungewohnten nordafrikanischen Lichtverhältnisse angeregt – ein neuer Stil durch. Alles wird auf vorher nicht gekannte Weise in Form, Licht, Farbe und Bewegung umgesetzt. Seine Fähigkeit, die Farben zum Leuchten zu bringen, steigerte sich noch weiter.

Neuer Stil durch das besondere Licht – August Macke, Blick auf eine Moschee, 1914, Kunstmuseum Bonn (Foto: Kunstmuseum Bonn/Reni Hansen, Wolfgang Morell)

Fast experimentell wirkt dabei die Moschee, die sich im überstrahlenden, gleißenden Licht vor unseren Augen aufzulösen scheint. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Gläubigen zum Gotteshaus strömen, so wie Mackes Zirkusbesucher auf den Jahrmarkt, die den Seiltänzer bewundern. Die Moschee, die einen fernen paradiesischer Ort symbolisiert, ist auch deshalb nicht recht greifbar, weil sie von Macke teilweise gar nicht gemalt, sondern größtenteils tatsächlich ausgespart wurde. Wir sehen schlicht nur auf den weiß stehengelassenen Papiergrund. Als ob man sich wirklich vor einem Himmelstor befände, das die Dinge transparent macht.

Zur Natur gehörig – August Macke, Frauen im Park (mit weißem Schirm), 1913, Privatsammlung Deutschland (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Wie sehr August Macke den Menschen im Paradies verortet sehen sowie zur Natur gehörig zeigen und verstanden wissen wollte, geht aus dem Gemälde „Frauen im Park“ hervor. Darin sehen wir zwei schlanke, außerordentlich elegante Damen auf einem rötlichen Sandweg spazierengehen. Diese Parkanlage aber wirkt weder wie ein gepflegter englischer Garten noch wie ein akkurater französischer Schlosspark. Vielmehr erscheint sie mit ihren sich vielschichtig überlagernden Bäumen, Büschen und Sträuchern und den unterschiedlichen Grüntönen undurchdringlich, eher einem wilden Dschungel gleich als einer durch eine Schar von Gärtnern sorgsam instandgehaltenen öffentlichen Anlage. Für den Künstler symbolisiert dieser Park damit die ungezähmte Natur.

Mackes Aufgabe war es demnach, die „kultivierten“ Damen mit dem „natürlichen“ Park zu verbinden. Um dies zu erreichen, malte Macke direkt hinter den Spaziergängerinnen eine farnartige Pflanze, die zwei weiß-rote Blütenständer ausgebildet hat. Auch der unkultivierte Dschungel kann elegant sein, was die farbliche Nähe zu den Kleidern der Frauen zeigt.

Der Künstler merkte aber, dass dies noch nicht ausreicht, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Die Natur, der Dschungel, befindet sich noch immer jenseits auf der anderen Seite, die Frauen „nur“ auf dem Weg. Dieser Parkweg – bei genauer Betrachtung zu erkennen – lief zunächst gänzlich am unteren Bildrand entlang, was die Kluft zwischen natürlichem und kultiviertem Bereich noch verstärkte. Macke entschied sich deshalb, den Weg vor den Damen und am rechten Bildrand grün zu übermalen, wodurch der Dschungel die beiden Spaziergängerinnen einschließt. Jetzt erst gehört der Mensch als Teil der Natur zum Paradies.

Roman Zieglgänsberger

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