Frank Stella zieht an

Eine große Schau – und Bewegtbilder von nebenan

Frank Stella, Vermessung des Walskeletts, (Moby Dick Series) 1988, SCHAUWERK Sindelfingen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Das Interesse war riesig am Start der Ausstellung zu Ehren des Jawlensky-Preisträgers Frank Stella. Der Künstler selbst, 86 Jahre alt, konnte leider nicht aus den USA zu Ehrung und Eröffnung der spannenden Schau kommen, doch seine Tochter Rachel nahm im Museum Wiesbaden sichtlich erfreut den mit 18.000 Euro dotierten Preis von Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende entgegen. Erfreut waren auch die vielen Freunde und Freundinnen des Museums, die dank Preview des Förderkreises bereits zwei Stunden vor dem offiziellen Akt mit Einführung ins vielschichtige Werk Stellas durch die Räume gehen und staunen konnten: über die erste museale Präsentation von Stellas neuesten skulpturalen Arbeiten. Über Malerei, Reliefs und raumgreifende Arbeiten der vergangenen sechzig Jahre, die Bezüge zu den Sammlungsbereichen des Museums herstellen – von den alten Meistern bis zur Ornamentik des Jugendstils, so heißt es in der Presseerklärung des Museums.

Eine sehr erfreute und gut gelaunte Tochter nahm den Jawlensky-Preis für ihren Vater Frank Stella entgegen: Rachel Stella (Mitte) mit Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Mitkuratorin Valerie Unge (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)
Blick in die Ausstellung „Frank Stella“ mit Detail © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Noch ein weiterer Grund zur Freude: Auch wenn das benachbarte Museum Reinhard Ernst (mre) wegen baulicher Verzögerung nicht – wie gemeinsam geplant – gleichzeitig in Frank Stellas Welt einladen kann, so demonstrierte es dennoch seine Verbundenheit zum Museum Wiesbaden: Zum einen durch eine Leihgabe aus dem Moby-Dick-Zyklus des Künstlers, der den gesamten Roman von Herman Melville in Bildern darstellt, zum anderen mit einem Film über eben diese Serie. „Da sich die Eröffnung unseres Hauses nun verspätet, freue ich mich umso mehr, dass wir mit den mitreißenden Bewegtbildern nun eben eine filmische Reminiszenz haben an die gemeinsame Anfangsidee“, so sagt uns mre-Direktor Oliver Kornhoff, auch Gast des Abends inklusive Freunde-Empfang. Und er betont: „Der Film ist nicht nur eine Verneigung vor Frank Stella. Er ist auch ein Zeichen unserer Wertschätzung für die Kollegen und Kolleginnen des Museums Wiesbaden“, denen eine hervorragende Präsentation gelungen sei. „Wir haben den Kurzclip dem Museum Wiesbaden zur freien Verfügung überlassen und darin auch mit Freude auf die Stella-Ausstellung hingewiesen.“

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Schön, dass auch wir Freunde die Bewegtbilder, entstanden bei Wiesbadener Filmproduktion Involve, auf unserer Website zeigen können. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2010 übrigens sagte Frank Stella selbst einmal zum Moby Dick-Gemäldezyklus folgendes: ,,… was mich an dem Stoff am meisten fesselte, war, dass Melville 1851 die Globalisierung der Jahrtausendwende um über 150 Jahre vorwegnahm. Der weiße Pottwal wird vom einbeinigen Kapitän Ahab um die ganze Erdkugel gejagt. Auf diese Weise konnte Melville alle, wirklich alle Regionen, Kulturen, Philosophien und Themen des gesamten Kosmos einschließen. Und für mich waren die Schilderungen des Meeres und des Wals eine höchst willkommene Gelegenheit, endlich meine Routine der geraden Linien und der geometrischen Formen aufzugeben und Wogen und Kurven und Wellen zu malen.“

Frank Stella, Dawidgrodek, 1971. Lehmbruck Museum, Duisburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 (Foto: Dejan Saric)

Die Schaffenszeit, in der Frank Stella „mit einem einfachen Anstreicherpinsel Lackfarbe auf die Leinwand brachte – und zwar genau so, dass die dadurch entstehenden Streifen der Rahmenform des Bildes folgten, also nichts als sich selbst bzw. die Randbedingungen des Gemäldes zeigten“, diese Schaffenszeit nennt Jörg Daur „für die abstrakte Kunst revolutionär“. Der Kustos für moderne und zeitgenössische Kunst hat zusammen mit der wissenschaftlichen Volontärin Valerie Ucke die Schau kuratiert, und beide haben sie nun einem großen Publikum vorgestellt. Seine Bewunderung für Stella drückt Daur unter anderem so aus: „Stella entwickelte von dem Nullpunkt aus, an den er die abstrakte Malerei geführt hatte, ein lebendiges Œuvre, eine Vielgestaltigkeit, die er selbst wohl nur in Serien bändigen konnte. Ja, jedes Thema in der Malerei wurde ihm zu einer ganzen Serie; konsequent arbeitete er einen Ansatz durch, um damit neues Terrain für die abstrakte Malerei zu sichern. Denn entscheidend war für ihn – und ist es bis heute – das abstrakte Bild“.

Ingeborg Salm-Boost

PS: Nun steht auch fest, dass die Ausstellung „Alles!“ mit dem Werk des Preis-Namensgebers Alexej von Jawlensky bis in den August hinein verlängert worden ist.

 

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