Ein hochkarätiger Wettbewerb
Faszinierendes Spiel und hohe Motivation
In diesem Jahr fand bereits zum dritten Mal der Internationale Flötenwettbewerb Ferdinand W. Neess im Museum Wiesbaden statt – und es gab einige bemerkenswerte Neuerungen: Der Wettbewerb wurde auf fünf Tage ausgeweitet, was allen Beteiligten mehr Zeit für Musik, Begegnungen und Austausch schenkte. Besonders freute ich mich, dass die erste Runde wieder in Präsenz in Wiesbaden stattfand – bei vielen anderen Wettbewerben wird sie inzwischen nur noch online abgehalten. Präsenz schafft eine ganz andere Atmosphäre, sie gibt den jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, sich live zu präsentieren.

Die Jury – international und hochkarätig
Die Jury war hervorragend besetzt: Drei bekannte Gesichter aus den Jahren 2022 und 2024 kehrten zurück – Professorin Cordula Hacke (Deutschland/Norwegen, Geschäftsführerin und im Vorstand der Neess-Stiftung), Prof. Michel Moragues (Frankreich) und Prof. Joern Schau (Norwegen). Neu hinzu kamen Prof. Catherine Heinzmann (Deutschland), Prof. Hyeri Yoon (Südkorea) und Yuan Long (Singapur/China). Diese Zusammensetzung war kein Zufall: Mehr als 30 Prozent der Teilnehmer kamen aus Asien, und die Jury spiegelte diese Vielfalt wunderbar wider.
Teilnehmer aus 27 Ländern – jung, engagiert, mutig
Fast 100 Anmeldungen gingen ein, etwa 80 Flötistinnen und Flötisten traten tatsächlich in der ersten Runde an. Die meisten waren Studierende zwischen 20 und 25 Jahren, aber es gab auch einige „ältere“ Teilnehmer bis zu 40 Jahren – und das war etwas Besonderes. Jugendstil-Mäzen Ferdinand Wolfgang Neess selbst war zeitlebens ein begeisterter Hobbyflötist und nahm auch im hohen Alter noch an Wettbewerben teil. Ich bin mir sicher, dass ihn dieser Mut sehr gefreut hätte.
So international die Herkunft der Teilnehmer auch war – aus Ländern wie u. a. China, Südkorea, Ungarn, Spanien und Deutschland –, so auffällig war, dass der Großteil von ihnen in Deutschland an renommierten Musikhochschulen studiert, zum Beispiel in Essen, München, Leipzig, Hannover, Frankfurt und Berlin. Deutschland wird also als Ausbildungsstätte für Querflöte international weiterhin sehr geschätzt.

Ein anspruchsvolles, aber faszinierendes Programm
Das vorgegebene Repertoire war wieder geschickt gewählt. Neben großen Pflichtstücken von Komponisten wie Sigfrid Karg-Ehlert oder Philippe Gaubert gab es auch selten gespielte Werke von Pierre Sancan, Carl Frühling und Alfredo Casella. Gerade diese Mischung machte das Zuhören auch für musikinteressierte Gäste ohne professionellen Hintergrund spannend und abwechslungsreich.
Die Runden – von der Breite zur Spitze
25 junge Musiker schafften es in die zweite Runde, fünf davon in die dritte Runde. Dort durfte jeder Kandidat, jede Kandidatin, ein eigenes Programm von etwa 40 Minuten gestalten – mit spannenden Themen wie „Waldatmosphäre“ oder Verbindungen zwischen Komponisten wie Debussy und Ravel. Besonders aufgefallen ist mir, dass viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die es nicht in die dritte Runde geschafft hatten, dennoch blieben und aufmerksam zuhörten. Sie erzählten mir, wie wertvoll dieser Vergleich mit dem eigenen Spiel sei – eine Gelegenheit, die sie bei vielen anderen Wettbewerben nicht hätten.
Coaching und persönliche Begegnungen
Eine der schönsten Neuerungen war das persönliche Coaching am Tag vor dem Finale: Die in der zweiten Runde ausgeschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden von den Juroren einzeln betreut – mit hilfreichen Tipps und Eindrücken, fast wie bei einem Meisterkurs. Viele kehrten bereichert nach Hause. Die Finalisten hingegen nutzten die Zeit, um sich mit ihren Klavierbegleiterinnen und -begleitern auf ihr Programm vorzubereiten und einzuspielen.

Das Finale – ein junges Talent ganz oben
Der große Tag kam: Nur eine oder einer kann bekanntlich gewinnen – und in diesem Jahr war es eine junge Frau mit 21 Jahren, die eine perfekte Vorstellung lieferte. Meret Louisa Vogel hatte ihr Programm mit einem durchdachten Motto zusammengestellt und zeigte ihr Können nicht nur im solistischen Spiel, sondern auch in der perfekten Abstimmung mit ihrer Klavierbegleiterin Tabea Streicher. Beide studieren an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler – und man spürte, wie sehr sie für ihre Musik brennen.
Meret Louisa begann bereits im extrem zarten Alter von fünf Jahren mit dem Querflötenspiel. Das ist möglich, weil es spezielle gebogene Kopfstücke gibt, die die Gesamtlänge des Instruments für Kinderhand verkürzen – ein schönes Beispiel dafür, wie Instrumentenbau frühkindliches Musizieren ermöglicht.
Doch auch die anderen Finalisten konnten sich hören und sehen lassen. Gebürtig aus China, Südkorea und Spanien, studieren sie alle an renommierten deutschen Musikhochschulen. Diego Pajares Espiga erspielte den zweiten Preis. Die Jury vergab in diesem Jahr erstmals einen geteilten dritten Preis – ein Zeichen für das außergewöhnlich hohe Niveau aller Finalisten. Es freuen sich darüber Choi Yeeun und Eunbi Jo.

Ein Konzert in der Jugendstil-Ausstellung
Eine weitere besondere Neuerung war die Idee von Mäzenin Danielle Neess und Cordula Hacke, einige ausgewählte Flötisten in der Jugendstil-Ausstellung des Museums spielen zu lassen. Die wunderbaren Flötentöne waren in weiten Teilen des Museums zu hören, die interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer folgten begeistert durch die Räume. An verschiedenen Kunstwerken waren die Musizierenden platziert, und Danielle Neess gab eine kleine Einführung in die jeweilige Kunstrichtung ihrer Sammlung. Das war ein einmaliges Erlebnis, das Musik und bildende Kunst auf ganz besondere Weise verband.
Ein Juroren-Konzert mit seltenem Flügel
Für mich persönlich war ein weiteres Highlight das kleine, aber feine Juroren-Konzert für Danielle Neess anlässlich des anstehenden Geburtstags ihres Mannes Ferdinand. Cordula Hacke spielte in der Ausstellung auf einem außergewöhnlichen Jugendstil-Flügel von Mand-Olbrich – einem sehr seltenen Instrument, entworfen von Olbrich (dem Architekten der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe) und gebaut von Mand (einem Darmstädter Klavierbauer). Dieses Konzert war nicht nur musikalisch, sondern auch kunsthistorisch ein Genuss.

Abschlusskonzert und gemütlicher Ausklang
Eine weitere Neuerung war das abendliche Abschlusskonzert der Finalisten. Der Vortragssaal war gut gefüllt, und die jungen MusikerInnen durften ihr Können noch einmal präsentieren. Ich hatte größten Respekt vor ihren Leistungen – auch wenn der eine oder andere kleine Patzer zu hören war. Aber das war der anstrengenden Woche mit Temperaturen um die 40 Grad und der enormen Spannung des Tages geschuldet. Und das macht die Künstler für mich nur noch sympathischer – denn wir sind alle nur Menschen.
Beim anschließenden Ausklang erfuhr ich, wie dankbar und euphorisch alle noch anwesenden TeilnehmerInnen waren. Sie hatten diese außergewöhnliche Woche sehr genossen – und das konnte ich als Zuhörerin und Pädagogin voll und ganz nachvollziehen.
Mein Fazit
Dieser Wettbewerb hat es verdient, international noch bekannter zu werden. Er bietet jungen Talenten nicht nur eine Bühne, sondern auch wertvolle Erfahrungen, persönliche Begegnungen und echte Entwicklungsmöglichkeiten – alles wichtige Bausteine für eine Karriere in der Musikwelt.
Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Auflage!
Pia Braun-Gabler
Flötenwettbewerb auf einen Blick:
- 3. Auflage des internationalen Flötenwettbewerbs Ferdinand Neess
- erste Runde wieder in Präsenz in Wiesbaden, auf fünf Tage ausgeweitet
- sechs Juroren und Jurorinnen aus Deutschland, Norwegen, Frankreich, Südkorea und Singapur/China
- fast 100 Anmeldungen, rund 80 Teilnehmende in der ersten Runde aus 27 Ländern
- Siegerin: Meret Louisa Vogel (21), Klavierbegleitung: Tabea Streicher
- erstmals ein geteilter dritter Preis wegen des hohen Niveaus