Interview „Kosmos Werner Graeff“
Wenn Kunst und Leben zusammengehören …
Besuch im Graeff-Archiv, 30 Boxen, viele blaue Mappen. Zwei gut gelaunte Menschen, die sich intensiv mit dem Mann beschäftigen und gerne über ihn erzählen. Er war Maler, Bildhauer, Grafiker, Fotograf, Filmer, Autor und Erfinder – ein Mann, den man auch „Künstler-Ingenieur“ nannte und der selbst für Erzählungen den „Ingenieur Frederik Carlson“ erfunden hat. Jessica Neugebauer-Boscheck ist mittendrin in einer höchst spannenden Arbeit. Im gemeinsamen Auftrag des Museums Wiesbaden und der Wüstenrot Stiftung kann die Projektbetreuerin den Nachlass Graeffs erschließen und erforschen, sodass er öffentlich zugänglich und wissenschaftlich nutzbar sein wird. Eine anspruchsvolle Aufgabe.

Roman, erst einmal die Frage: Wieso hat die Witwe den künstlerischen Nachlass und später auch die zwei Teile des schriftlichen Nachlasses von Werner Graeff dem Museum Wiesbaden vermacht, wie kam dies zustande? Er stammte doch aus dem Ruhrgebiet …
Roman: Das geht auf den früheren Direktor Volker Rattemeyer zurück, er hatte großes Interesse an den Arbeiten von Graeff, er lernte die Witwe des Künstlers kennen, und diese suchte eine Heimat für die Werke ihres Mannes und sein Vermächtnis. Natürlich gibt es auch im Ruhrgebiet große Landesmuseen. Aber Ursula Graeff-Hirsch, Graeffs zweite Frau und übrigens selbst eine Künstlerin, gefiel die Idee, alles nach Wiesbaden zu geben.
Das passt wohl auch gut zu Vordemberge-Gildewart, den Ihr zurzeit noch ausstellt …
Roman: Ja, das ist die Schau „KörperGeometrie“, zusammen mit der Künstlerin Ilse Leda. Friedrich Vordemberge-Gildewart und Werner Graeff gehörten beide zu der De Stijl-Gruppe um Theo van Doesburg. Wir haben den schriftlichen Nachlass von Vordemberge-Gildewart und auch Kunst auf Papier von ihm, zum Beispiel Baugestaltungsentwürfe, Zeichnungen; auch Gemälde haben wir.

Jetzt aber zu Dir, Jessica: Du interessierst Dich schon seit Deinem Studium sehr für Graeff?
Jessica: Ja, sein künstlerisches Schaffen ist so vielseitig. Ich habe 2016 meine Masterarbeit über Graeffs Druckgrafik geschrieben. Und seit 2023 befasse ich mich als freiberufliche Kunsthistorikerin ganz intensiv mit Werner Graeff.
Nun bist Du hier bei uns am Museum. Wie kommt das denn zustande? Roman, vielleicht sagst Du erst einmal, wie Jessica zum Auftrag gekommen ist, hier bei uns das Graeff-Archiv aufzubauen?
Roman: Weil wir gerne den Graeff-Nachlass akribisch aufarbeiten wollen, das aber allein nicht leisten können, sind wir auf die Wüstenrot Stiftung zugegangen, die solche Vorhaben unterstützt und sich für Kulturgüter in Museen einsetzt. Es entstand ein enger Kontakt. Und Jessica kannte ich bereits, aus ihrer Masterarbeit wurde schon ein Auszug in dem Buch „Ein Bauhauskünstler berichtet“ veröffentlicht. Das haben Evelyn Bergner und ich herausgegeben. Jessica ist also die ideale Mitarbeiterin für diesen anspruchsvollen Job. Unser Projekt trägt wegen der Vielseitigkeit des Künstlers den Namen „Kosmos Werner Graeff“.

Jessica: Schon 2015 hatte ich mit dem Museum Kontakt. Das Schaffen des Künstlers, der vom Bauhaus geprägt war, hat so viele Facetten, auch abseits der bildenden Kunst. Technik war bei ihm ein großes Thema, er hat zum Beispiel Pläne für eine Kleinbild-Kamera entwickelt, und er hatte kurzfristig eine Fotoschule. Kurzfristig deshalb, weil er in der NS-Zeit über Spanien in die Schweiz ging. Auch „Das Buch vom Auto“ hat er verfasst. Außerdem stammen von ihm Verkehrszeichen, die überall auf der Welt gleich aussehen sollten. Das wurde leider nicht umgesetzt. Graeff hätte so vieles machen können – wenn die NS-Zeit und der Krieg das nicht verhindert hätten.

Nochmal zum Nachlass: 2009 kam der künstlerische Nachlass ins Museum, 2016 und 2020 folgten dann die umfangreichen Schriftstücke. Gab es denn schon mal eine Ausstellung mit den Graeff-Werken?
Roman: Bereits im Sommer 2010 wurden die Werke vorgestellt, Volker Rattemeyer und Evelyn Bergner, damals Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Museum sowie selbst Kunsthistorikerin, hatten sie kuratiert. Das war genau in dem Jahr, in dem ich mich in Wiesbaden vorstellte …

Evelyn Bergner ist ja heute in der Staatskanzlei tätig. Ich erinnere mich an eine schöne Veranstaltung dort: Du und Evelyn Bergner hattet Euer Graeff-Buch vorgestellt. Schön auch, dass von Graeff eine Reihe von Gemälden dort, unter anderem im Kabinettsaal der Regierung, hängen …
Roman: Das stimmt. Das Graeff Buch wurde von der Staatskanzlei gefördert. Und ja, sie hat viel Kunst von ihm in ihren Räumen. Ich glaube, es sollte mit den Graeff-Werken aus dem Museum ein „geschlossenes Gesicht“ in Kabinettsaal, den Gängen und im Entree geben. Seit 2025 hängen auch Graeff-Arbeiten in der hessischen Landesvertretung in Berlin.

Jessica, Du hast ja einen Riesen-Berg an Archivarbeit zu bewältigen. Was machst Du denn zurzeit?
Jessica: Es gibt 30 Boxen, und zunächst brauchte es viel Sortierarbeit. Dafür gibt es die blauen Mappen. Es geht beispielsweise auch um viel Persönliches, um Familiäres, etwa Geburt, Taufe, um Reisepässe … Und in einer Box geht es um alles Fotografische. Etwa das Thema der schon erwähnten Kleinbildkamera, ein Patent hat Werner Graeff in der Schweiz für ein Zubehörteil bekommen. Es gibt viele Publikationen von ihm, so ein Leitfaden für gute Fotos. Er hat übrigens auch futuristische Kurzgeschichten geschrieben. Und er hat viele Filme gedreht, sich mit Hans Richter dem experimentellen, abstrakten Film gewidmet. Spannend ist auch der Briefwechsel mit namhaften Persönlichkeiten, die ich in der VIP-Box finde.
Zum Beispiel mit wem?
Jessica: Etwa Hannah Höch, Hans Richter, Theo van Doesburg oder Cornelis van Eesteren, ein Architekt.
Und wenn die akribische Sortierarbeit geleistet ist, wie geht es weiter? Bleiben wir mal am Beispiel Fotografie.
Jessica: Ein zweiter Schritt ist dann die Tiefenbohrung. Alles zur Fotografie nehme ich mir vor. Zum Thema Werner Graeff und die Fotografie habe ich schon einen Blog geschrieben. Und einen weiteren gibt es zur Siedlung Weißenhof und Graeffs Verbindung dorthin.

Sag uns einmal kurz etwas zur Siedlung Weißenhof und Graeffs Verbindung dazu.
Jessica: Hier, wo Mies van der Rohe aktiv war, ging es um neues Bauen und Wohnen und die Ausstellung „Die Wohnung“. Werner Graeff war der Pressechef, damals sagte man Propagandachef. Er machte sich einen Namen und kam auch in engen Kontakt mit dem Werkbund, war Mitglied.
Wie lange wirst Du noch an diesem Graeff-Projekt arbeiten?
Jessica: Noch ein Jahr. Es werden jetzt schon viele Anfragen gestellt. Zum Beispiel von Universitäten, von Promovierenden, auch vom Stadtmuseum gab es eine Anfrage.
Roman: Unser Ziel ist, das Graeff-Archiv digital der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Jessica, Du hast sogar eine Verbindung zu Wiesbaden gefunden …
Jessica: Ja, Graeff hat Anfang der siebziger Jahre an einem Wettbewerb teilgenommen und den Entwurf für eine Brunnen-Skulptur auf dem Wiesbadener Mauritiusplatz eingereicht. Das Kunstwerk sollte 2,70 Meter hoch werden, man findet den Entwurf unter dem Namen „Maurisku“. Der Brunnen steht allerdings in Essen …

Zum Schluss, Jessica, fasse bitte mal in zwei Sätzen zusammen, warum Dich der ja auch „Künstler-Ingenieur“ genannte Werner Graeff so fasziniert.
Jessica: Mich fasziniert diese Vielfalt und dass ich mich in so vieles einarbeiten kann. So etwas passiert ja im klassischen Studium nicht. Mich beeindruckt bei Werner Graeff so sehr der Bauhaus-Gedanke, nämlich dass Kunst und Leben zusammengehören.
Roman, an Dich abschließend die Frage: Wird es dann in naher Zukunft einmal eine Graeff-Ausstellung geben? Das würde sich doch lohnen. Im Jahr 2028 käme der 50. Todestag …
Roman: Ich kann mich da nicht zeitlich festlegen. Aber natürlich wollen wir Graeff-Projekte angehen, etwa in Kabinett-Ausstellungen. Auch in der ständigen Sammlung sollte man Graeff-Werke sehen können.
Das Gespräch führte Ingeborg Salm-Boost
PS: Blogbeiträge finden sich auf www.museum-wiesbaden.de
Zur Person
Jessica Neugebauer-Boscheck ist Wiesbadenerin. Ihr Abitur machte sie an der Oranienschule. Sie studierte nach einer Au-Pair-Zeit in Australien Kunstgeschichte in Gießen und Mainz. Ihre Masterarbeit 2016 schrieb sie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zur Druckgrafik von Werner Graeff. Schon zuvor, seit 2015, war sie in Kontakt mit dem Museum Wiesbaden, wo sie sich mit Gemälden und Grafiken des Künstlers befasste.
Aus der Biografie Werner Graeff
Werner Graeff (1901–1978) war ein gesamtheitlich denkender Künstler, der in den vielfältigsten Medien aktiv war und in den 1920er Jahren in der internationalen Kunstszene agierte und weit vernetzt war. Über sein Studium 1921/22 am Bauhaus in Weimar nahm er an den De-Stijl-Kursen von Theo van Doesburg teil und fand darüber zu seiner klaren, geometrischen und konstruktivistischen Ausdrucksform. Er wurde Mitglied der niederländischen De-Stijl-Gruppe und gründete gemeinsam mit dem Filmemacher Hans Richter die avantgardistische Zeitschrift „G“, in der er selbst Texte veröffentlichte. Mit Richter arbeitete er außerdem an der Entwicklung des abstrakten Films.
Graeffs künstlerisches Schaffen stand ganz im Kontext des Bauhaus-Gedankens, sodass er weit mehr als nur Maler war: Er entwickelte unter anderem eine internationale Verkehrszeichensprache (1923) und fertigte Entwürfe für verschiedene Karosserien an (Motorrad-Entwurf 1922; Karosserie-Entwürfe 1922/23).
Über Mies van der Rohe wurde er Pressechef der Werkbundausstellung „Die Wohnung“, mit der 1927 die zuvor erbaute Weißenhofsiedlung in Stuttgart eingeweiht wurde. Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit wurde Graeff damit beauftragt, ein praktisches Handbuch für die Werkbundausstellung „Film und Foto“ 1929 in Stuttgart zu verfassen. „Es kommt der neue Fotograf“ (1929) war ein voller Erfolg und bildete den Auftakt seiner rund 30 Jahre andauernden Beschäftigung mit der sich damals rasant entwickelnden fotografische Technologie.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1951 engagierte er sich unter anderem im Städtebau und entwickelte Pläne zur farbigen Gestaltung des Ruhrlandes (1952), um damit das Ruhrgebiet durch künstlerische Beteiligung wohnlicher zu machen.
Bis 1959 leitete er die freie und angewandte Fotografieklasse an der Folkwang Werkkunstschule in Essen. Anschließend widmete er sich der freien Kunst, und es entstanden bis zu seinem Lebensende neben zahlreichen Gemälden, Druckgrafiken und einigen Skulpturen auch Wandteppiche, Glasfenster und Mosaiken für Kunst am Bau.
Jessica Neugebauer-Boscheck