Interview mit Andreas Henning
Welch ein tolles Jahr!
Schon über 100.000 Besucher und Besucherinnen wurden bislang im Jahr 2025 im Museum Wiesbaden gezählt. An dem starken Ergebnis haben natürlich die Swifties einen großen Anteil. Aber auch das Angebot anlässlich des 200-jährigen Bestehens wurde bestens angenommen. Schauen wir mit dem Direktor Dr. Andreas Henning zurück und nach vorne.

Andreas, welch ein Geburtstagsjahr fürs Museum Wiesbaden! Man könnte sagen: Atemlos von einem besonderen Ereignis zum nächsten … Wie fühlt sich der Museumsdirektor in diesen Tagen?
Ich atme tief durch, es war ein vollgepacktes Jubiläumsjahr. Aber ich blicke auch unglaublich dankbar auf 2025 und die vielen, vielen Gäste, die mit uns gefeiert haben.
Es war sicher ein sehr besucherstarkes Jahr.
Oh ja, wir kommen auf mehr als 100.000 Besucher und Besucherinnen. Dies nun zum vierten Mal seit Erhebung der Zahlen im Jahr 2000.
Das hatte sicher nicht zuletzt mit „Ophelia“ und Taylor Swift zu tun. Aber ehe wir uns diesem Thema widmen: In welchen Jahren wurde denn zuvor so gepunktet und mit welchen Ausstellungen besonders?
2024 war die Pechstein-Schau ein starker Anziehungspunkt. Davor, 2019, zog die neue Jugendstil-Schenkung Ferdinand Wolfgang Neess mächtig an, so dass wir auf mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher kamen. 2018 war es vor allem die Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky – Die Sammlung Frank Brabant“, die eine besondere Anziehungskraft hatte.
Dank Taylor Swifts Video schaut man aus der ganzen Welt plötzlich ins MuWi – und berichtet über „unsere“ Ophelia von Friedrich Heyser, die wir der Neess-Schenkung verdanken. Sag mal ein paar Beispiele – wer alles hat bei Euch „angeklopft“?
Der globale Pop-Star hat uns in der Tat eine globale Reaktion beschert. Ein solcher Hype ist ein enormes Geschenk, das wir mit keiner noch so teuren Marketing-Kampagne erreichen würden. Was die Medien betrifft, so waren z. B. die New York Times oder The Guardian interessiert, es gab Presseanfragen aus China, Italien, Frankreich, Polen … Und vor kurzem kam eine E-Mail aus Mexiko mit der Anfrage einer Mutter: Sie werde am 21. Dezember um 14 Uhr mit ihrer Tochter in Frankfurt landen, ob sie es wohl schaffen könnte, rechtzeitig vor Schließung im Museum Wiesbaden zu sein und „Ophelia“ zu besuchen. Ich denke, das schaffen die beiden …
Das Museum Wiesbaden mit seiner Ophelia war sogar in der Tagesschau um 20 Uhr vertreten …
Ja, Taylor Swift und ihr Video ist für uns zu einer Kulturverstärkerin geworden. Das Riesen-Interesse der Medien ist wirklich das Sahnehäubchen, nein, eher die Sahnetorte auf unseren Jubiläumsaktionen.
Zurück auf Anfang. Wie hat alles begonnen, wer hat denn gecheckt, dass das Heyser-Gemälde im Jugendstil ganz eindeutig in Swifts Video eine Rolle spielt?
Das waren einige Follower von uns. Sarah Schadt, für unsere Social Media-Kanäle zuständig, prüfte den Hinweis dann sofort – und die Geschichte begann … Das Team von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist ganz schnell aktiv geworden.
Diese Follower müssen sich im Jugendstil gut auskennen, denn das Bild hing ja nicht so prominent in den Jugendstil-Räumen.
Das stimmt, es ist nun an anderer Stelle platziert. Nicht zuletzt, damit insbesondere Schulklassen davor arbeiten können.
Und die Swifties fluteten das Museum.
Diese Welle wollten wir natürlich surfen. Ich bin stolz auf unser Team, weil es so schnell und erfolgreich reagiert hat. Am 2. November fand das große Event statt, dann gab und gibt es noch die ebenfalls erfolgreiche Swiftie-Tour, eine Rallye, die die jungen Leute auch in andere Abteilungen führt und bei der es etwas zu gewinnen gibt. Dazu kam die Idee von der Wiesbadener Agentur Q, da gibt es mit dem Designer Matthias Frey einen großen Taylor-Swift-Fan. Eine Super-Aktion, die gern angenommen wird!
Und immer wieder ein Haus voller Swifties!
Ja, und viele von ihnen haben erzählt, dass sie eigentlich keine Museumsgänger sind, jetzt aber nicht nur die „Ophelia“ spannend finden. Übrigens: Ann-Katrin Spieß von der Abteilung Bildung und Vermittlung hat beim großen Event das Bild sehr ausgewogen betrachtet und erklärt. Mich freut, wie viel Anerkennung wir auch von anderen Museen bekommen haben. Überhaupt waren die Reaktionen durchweg positiv. Auch viele Ältere, beispielsweise Großeltern von Swifties, kamen und waren interessiert an dem, was alles im Museum Wiesbaden passierte und noch passiert. Wir haben diese Jahrhundertchance bestens genutzt.
Jetzt muss Taylor Swift noch der Einladung des Ministers für Wissenschaft und Kunst folgen und das MuWi besuchen …
Wir würden natürlich sehr gerne wissen, wie man in ihrem Umfeld auf unsere „Ophelia“ gekommen ist. Etwa durch unsere Online-Kollektion, oder als Taylor Swift auf Europa-Tournee und u. a. in Frankfurt war? Vielleicht spielte das weiße Gewand eine Rolle. Weiß ist die Farbe der Reinheit, der Unschuld, auch der Auferstehung. Und im Video „Fate of Ophelia“ nimmt die Shakespeare-Geschichte ja eine ganz neue Wendung.
Verlassen wir Ophelia und die Swifties, aber bleiben wir kurz bei der Jugend. Wie blickst Du denn auf die Jungen Freunde unter dem Dach der Freunde des Museums?
Das ist eine großartige strategische Bereicherung, ich bin überglücklich, dass jungen Menschen im Studium oder im beginnenden Berufsleben unser Museum so ideenreich nähergebracht wird. Jede Generation muss ihre eigenen Fragen an das Museum stellen, die Jungen Freunde haben neue Formate entwickelt. Das passt auch sehr gut zu unserem Jubiläum, das wir nicht zuletzt unter das Motto „Wandel“ gestellt haben. Ich würde sagen: Die Jungen Freunde sind ein Jubiläumsgeschenk, sie bestehen nun schon ein Jahr und haben tolle Projekte. Ein weiteres so wichtiges Geschenk ist ebenso der vor einem Jahr gegründete Oktogon-Circle der Freunde des Museums. Den Mitgliedern in diesem Kreis verdanken wir, dass das Museum Kunst-Ankäufe finanzieren kann. Das ist großartig.
Und dann kommt noch das – vom Land Hessen in die Wege geleitete – Geschenk des Erweiterungsbaus. Wie sind die nächsten Schritte, nachdem das Wiener Büro Schenker Salvi Weber den Wettbewerb gewonnen hat?
Mit dem starken Sieger gehen wir jetzt in die Konkretisierungsphase, erst danach stehen die Kosten fest, und das brauchen wir als Entscheidungsgrundlage für das Land. Das Ganze wird koordiniert von LBIH, dem Immobiliendienstleister der hessischen Landesverwaltung. Wir vom Museum haben noch einen Architekten, Christian Stock, an unserer Seite. Im Team, das etwa eineinhalb Jahre mit der Feinplanung beschäftigt sein wird, sind außerdem der stellvertretende Direktor Jörg Daur als Baureferent und Michael Edler, Leitung Haustechnik.
Wir wissen, dass dringend benötigte Depotflächen in den Erweiterungsbau kommen. Was genau werden wir noch darin finden?
Die ebenso dringend benötigten Flächen für Sonderausstellungen, und Platz für die Galerie des 19. Jahrhunderts, damit wir die großartige Neess-Schenkung historisch in einen Kontext bringen können. Wir haben eine starke Sammlung des 19. Jahrhunderts und wollen diese dauerhaft zeigen, um die Entwicklung zum Jugendstil zu erklären. Ganz oben, mit Blick bis in den Taunus, wird es Räume für die Gegenwartskunst geben. Auch Büroräume werden noch dazukommen. Der Erweiterungsbau zum historischen Theodor Fischer-Gebäude ist grundlegend für jegliche Weiterentwicklung des Museums!
Schauen wir noch kurz zurück auf die Jubiläumsaktivitäten.
Wie schon zu Anfang gesagt: Es war schön zu sehen, wie die Menschen mit Freude und Begeisterung unser Programm aufgenommen haben. Für mich waren die MuWi-Stars an jedem Tag im April ein Highlight. Und wir sind glücklich, dass der fünfte Raum in der Natur, der schon erwähnte Wandelraum, eröffnet werden konnte, der sich der Metamorphose widmet – unter dem Patronat von Maria Sibylla Merian. Nach der Künstlerin und Forscherin kann nun alle zwei Jahre dank der Alfred-Weigle-Stiftung für angehende Künstlerinnen und Naturwissenschaftlerinnen ein jeweils mit 7.500 Euro dotierter Preis vergeben werden. Und nicht zuletzt möchte ich beim Blick auf die Jubiläumsaktivitäten die Bienen in Kunst und Natur erwähnen, denn diese beiden Ausstellungen waren für unser Zwei-Sparten-Haus genau der richtige Auftakt. Eine starke Positionierung.
Zufrieden auch mit der Festveranstaltung im Staatstheater und danach im Museum?
Ja, es gab gute Stimmung und sehr viel Anerkennung. Aber nicht nur Sonntagsreden. Auch jetzt hört man noch begeisterte Stimmen zum Festakt.
Ein bisschen polarisiert hat in der Jubiläumskampagne das so genannte Wimmelbild. Mir gefällt es sehr gut …
Da ist der Agentur Alma eine gute Sache gelungen. In diesem Wimmelbild des Illustrators Mirko Röpe, das vielerorts zu sehen ist, wurden unsere Sammlungen und die Menschen verbunden. Hinschauen lohnt sich. Die Idee hatte uns schnell überzeugt. Diese Kampagne wurde jüngst mit einem Design-Preis ausgezeichnet.

Und was würdest Du mit Blick auf 2026 als Beispiele hervorheben?
Sehr erfreulich ist, dass wir mit „Couleur vivante“ erstmals ein gemeinsames Projekt mit dem Museum Reinhard Ernst und dem Nassauischen Kunstverein verwirklichen. Eine Ausstellung 1957 von Informel-Künstlern im Museum Wiesbaden war bahnbrechend für diese Kunstrichtung. Der damalige Direktor des zu dieser Zeit noch städtischen Museums, Clemens Weiler, hat da Großes geleistet. Bei uns im MuWi wird das Schaffen von Ursula und Bernhard Schultze im Fokus stehen, ein Paar, mit dem Clemens Weiler in engem Kontakt war. Auch die Ausstellung Jugendstil und Symbolismus mit Werken von Georg Lührig, „Ein Meister aus Dresden“, möchte ich erwähnen.
Und dann haben wir noch eine Weltpremiere anzukündigen: „Die Blauen Reiterinnen“. Dieses Ausstellungsprojekt verwirklichen wir zusammen mit dem Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, dem Lenbach-Haus in München und der Werefkin-Foundation in Ascona. Das künstlerische Schaffen der Frauen in dieser Gruppe war genauso bedeutend wie das der Männer. Hier wird anlässlich dieser Schau noch viel Grundlagenforschung betrieben. Die Natur wird mit der großen Jahresausstellung Gift ein spannendes, facettenreiches Thema bieten.
Noch ein Blick auf den Bereich Bildung und Vermittlung. Hier soll es 2025 eine besonders große Nachfrage mit vielen Aktivitäten gegeben haben?
Mehr als eintausend pädagogische Gruppen – Schulen, Kitas, Studierende – waren in diesem Jahr in unserem Museum. Besonders angesagt sind Workshops, das praktische Arbeiten kommt sehr gut an. Die großen Ateliers mit ihren vielen Materialien sind dafür ideal. Dazu gehört auch die Druckerpresse, die 2023 dank der Jubiläumsspende des Lions Clubs Wiesbaden-Mattiacum angeschafft werden konnte.
Wenn Du neben der Realisierung des Erweiterungsbaus und Ausstellungen, die bestens ankommen, noch einen Wunsch frei hättest, wie würde der lauten?
Ich schaue auf den Bereich Städtetourismus: Da ist noch Luft nach oben. Hier könnten Stadt und Museum gemeinsam zum Beispiel noch stärker für den Jugendstil werben, auf Busreisen und Schiffstouren schauen.
Was rufst Du denn zum Ende des Jahres unseren Freunden des Museums zu?
Ich bin dankbar für das große Engagement, und ich freue mich über jedes Mitglied des Förderkreises, das seine Begeisterung für das Museum weiterträgt. Dankbar bin ich dieser starken Kerngruppe, die eine wichtige Reflektionspartnerin ist.
So, nun soll der Direktor mal kräftig durchatmen. Andreas, wenn Du vor einem Kunstwerk im Museum Wiesbaden vor den Feiertagen einfach mal stillstehen und den Anblick genießen möchtest, wo beispielsweise würdest Du hingehen?
Da sehe ich viele Möglichkeiten. Spontan lenke ich jetzt meine Schritte in die Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“. Da hängt auch Karl Schmidt-Rottluffs Bild „Tannen im Schnee“, ein Ölgemälde von 1951. Es ist eine Schenkung des Sammlerpaars Marianne und Wirnt Rick aus dem Jahr 2013. Und ich denke mir: Wenn schon auch dieser Winter keinen Schnee bringen sollte, um durch den verschneiten Taunus wandern zu können, dann lindert Schmidt-Rottluffs Gemälde ein wenig die Sehnsucht.
Das Gespräch führte Ingeborg Salm-Boost