Interview mit Thilo von Debschitz

„Was im Museum passiert, strahlt in die Stadt“

Er will sich mit dem Freunde-Vorstand und dem Kuratorium für unser Museum als  „die erste Adresse für Bildende Kunst in Wiesbaden“ engagieren. Thilo von Debschitz konnte sich rasch für den neuen Ehrenamtsjob begeistern, in den er einstimmig von der Mitgliederversammlung gewählt wurde.


Lieber Thilo, wie lange musstest du nachdenken, ehe wir vom Freunde-Vorstand uns darüber freuen konnten, dass du dich zur Wahl des Vorsitzenden stellst?

Die Tatsache, dass ich viele handelnde Personen im Vorstand und auf Museumsseite schon seit Jahren kenne und schätze, hat mich nicht lange zögern lassen. Ich selbst war eigentlich direkt für dieses Amt zu begeistern, wollte aber noch meine Frau Ute fragen. Bei solchen Dingen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und unsere Abendtermine betreffen, entscheidet sie natürlich mit. Mein Vorgänger Gerd Eckelmann hat mir im Detail beschrieben, mit welchen Aufgaben dieses Amt verbunden ist. Gerd hat es über 32 Jahre, neben der Leitung seines Unternehmens sowie der Präsidentschaft der Industrie- und Handelskammer ausgeübt – dann sollte ich das auch hinbekommen. Das ist alles eine Frage der Organisation.

Wechsel an der Freunde-Spitze: Vorsitzender Thilo von Debschitz (Mitte) neben seinem Vorgänger Dr. Gerd Eckelmann, nun Ehrenvorsitzender des Förderkreises. (Foto: Josh Schlasius)

Du hast ja schon als einer der beiden Chefs der Kreativagentur Q, als Autor und mit anspruchsvollen (Hilfs-)Projekten reichlich zu tun …

Unsere Töchter leben jetzt in ihren eigenen Wohnungen und beanspruchen die Zeit der Eltern nicht mehr so stark wie noch vor ein paar Jahren. Das hat neue Freiräume geschaffen. Die Agenturarbeit in der Wiesbadener Walkmühle bindet natürlich die meiste Zeit, da bin ich weiterhin rund um die Uhr für kreative Lösungen eingebunden. Es treffen ständig neue spannende Projekte ein, für die unser Team kreative Lösungen findet.

Nenne mal ein paar Beispiele …

Wir sind jetzt beispielsweise für das Magazin der IHK Wiesbaden zuständig, entwickeln eine Kampagne für die hessischen Volkshochschulen, bauen eine neue Website für die KfW Stiftung oder gestalten Anzeigen für die Sonderausstellung zu Judith Reigl im Museum Reinhard Ernst. Das Museum Reinhard Ernst betreuen wir seit seinem Baubeginn – vom Logo über das Leitsystem und die gedruckte Sammlungspräsentation bis zur Website. Das macht alles großen Spaß – und manchmal auch die Nacht zum Tag. Aber ich finde trotzdem noch Kapazitäten für ehrenamtliche Projekte wie den Freunde-Vorsitz – oder den Einsatz auf dem Tennisplatz.

Du bist dem Förderkreis durch die Pflege unserer Website und als Mitglied schon lange verbunden. Was hatte dich bewogen, dabei zu sein?

Weil ich als einer der Betreuer eures Onlineauftritts aus erster Hand mitbekomme, wie viel den Mitgliedern des Fördervereins geboten wird, war für mich und Ute irgendwann klar: Wir wollen Teil dieser Gemeinschaft werden – die attraktiven Angebote mit Führungen, Lesungen und weiteren Aktivitäten möchten wir auch in Anspruch nehmen und gleichzeitig mit der Mitgliedschaft das Museum fördern. Wir sind beide echte Kultur-Junkies.

In der Mitgliederversammlung, die dich einstimmig zum Nachfolger von Gerd Eckelmann gewählt hat, erwähntest du, dass dir unser Museum schon seit der Kindheit vertraut ist. Erzähl doch bitte noch einmal von den ersten Besuchen und weiteren Erlebnissen!

Meine Mutter arbeitete früher als Aufpasserin im Museum. Ich weiß noch, dass ich sie in der Ausstellung  „1.000 Jahre Russische Kunst“ besucht habe und sie mir dann Interessantes zu den Exponaten erzählen konnte. Das war in den achtziger Jahren, seitdem bin ich regelmäßiger Besucher. Meine Frau und ich haben in der Folgezeit viele Veranstaltungen im Museum besucht, auch einige selbst durchgeführt. Unsere älteste Tochter saß schon einmal bei einem Freunde-Neujahrsempfang auf der Bühne und gab Rückmeldung zu den Angeboten für Studierende. Unsere jüngste Tochter war vor wenigen Wochen an einer Modenschau beteiligt, die im Museum stattfand. Wir sind also familiär mit dem Haus verbunden.

Das gehört für ihn heute zu seinen „Jugendsünden“: Im Mai 1988 erschien dieser Cartoon auf der Kinder-Seite im „Wiesbadener Kurier“. Als Heranwachsender verdiente sich Thilo von Debschitz mit gezeichneten Kalauern neben dem Studium wöchentlich 50 Mark dazu, unzählige Zeichnungen kamen im Laufe der Jahre zusammen. Bei diesem Motiv wurde er inspiriert von „Das Frühstück im Grünen“ von Édouard Manet (1863). „Ob der Dialog beim damaligen Picknick wirklich so geführt wurde, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Und die unbekleideten Körper aus dem Originalgemälde musste ich aus Rücksicht vor den jungen Leserinnen und Lesern weglassen“.

Die Agentur Q hat auch schon Kampagnen des Museums begleitet?

Ja, unsere Kreativagentur wurde schon häufig mit Projekten beauftragt, die mit dem Museum Wiesbaden in Beziehung stehen. Zum Beispiel haben wir 2015 die Kampagne „Wiesbaden schafft die Wende“ ins Leben gerufen.

Ja, ich erinnere mich, das war aufsehenerregend …

Damals ging es darum, Aufmerksamkeit auf die Provenienzforschung im Museum und auf ein besonderes Bild des Malers Hans von Marées zu lenken, das dem jüdischen Unternehmer Max Silberberg verfolgungsbedingt entzogen worden war. Mit dem Erben wurde vereinbart, dass das Bild offiziell erworben werden konnte – und daran sollten sich Bürgerinnen und Bürger beteiligen. Wir haben das Bild einfach falsch herum aufgehängt, mit der Rückseite nach vorne. So konnte man auch die für die Provenienzforschung wichtigen Hinweise sehen, und die ungewöhnliche Perspektive erhöhte die Spannung auf den späteren Anblick des Motivs. Nach sieben Wochen waren Spenden in der erforderlichen Höhe eingegangen, Minister Boris Rhein und Museumsdirektor Alexander Klar wendeten das Gemälde „Die Labung“ offiziell vor den Augen der zahlreich erschienenen Medienvertreter. Auch die internationale Presse berichtete über die Aktion.

Museumsdirektor Dr. Alexander Klar und Wissenschaftsminister Boris Rhein vor dem „Wendebild“ – eine Aktion, die über die Landesgrenzen für Aufmerksamkeit sorgte und maßgeblich von den Freunden des Museums zum Erfolg gebracht wurde. Foto: Gottwald
Der damalige Museumsdirektor Dr. Alexander Klar und der damalige Wissenschaftsminister Boris Rhein vor dem „Wendebild“ – eine Aktion, die über die Landesgrenzen für Aufmerksamkeit sorgte und maßgeblich von den Freunden des Museums zum Erfolg gebracht wurde. (Foto: Gottwald)

Gibt es noch ein Projekt aus jüngerer Zeit?

Zuletzt hat unser Q-Team eine Schnitzeljagd entwickelt. Zielgruppe waren die Fans von Taylor Swift, die eigentlich nur zur Betrachtung des Werks „Ophelia“ in die Jugendstil-Sammlung des Museums kamen. In den Ausstellungsräumen des Museums haben wir zahlreiche Referenzen zu weiteren Songs der Künstlerin gefunden – zum Beispiel einen Opal in der Natur zum Lied „Opalite“. Alle Swifties, die ohnehin vor Ort waren, begaben sich auf Spurensuche und füllten ihre Schnitzeljagd-Zettel aus – es gab attraktive Preise zu gewinnen. So konnten wir die Verweildauer der zumeist jungen Besucherinnen im Museum deutlich erhöhen.

Weil wir ja unter uns sind, könnte ich dir noch etwas anderes anvertrauen, weil es schon verjährt ist…

Oh, bitte erzähle!

Als Königin Elizabeth II. im Jahr 2015 nach Deutschland kam, herrschte im ganzen Land eine regelrechte „Queen-Mania“. Museumsdirektor Dr. Alexander Klar bat unser Agenturteam, diese Euphorie für das Museum zu nutzen – immerhin befindet sich ja ein Portrait der Königin, gemalt von Gerhard Richter, im Sammlungsbesitz. Weil auf dem royalen Besuchsprogramm zwar die Frankfurter Paulskirche, nicht aber Wiesbaden stand, hatten wir eine Doppelgängerin aus Großbritannien gebucht – sie sah der echten Queen wirklich täuschend ähnlich! Ein offener „Adenauer“ sollte mit ihr die Wilhelmstraße herauf- und herunterfahren, sie hätte daraus freundlich gewunken und dann den Weg ins Museum gefunden. Neben sonnenbebrilltem Sicherheitspersonal wäre sie außerdem über den Wiesbadener Wochenmarkt geschlendert. Das hätte bei vergleichsweise geringem Budget einen riesigen Werbeeffekt erzeugt, die Bilder dazu wären viral durch die Decke gegangen. Aber leider wurde uns von höherer politischer Ebene die Aktion wenige Stunden zuvor verboten – man fürchtete diplomatische Verwicklungen. Alexander Klar und wir waren darüber sehr traurig.

Gerhard Richter, Königin Elisabeth, 1967, Museum Wiesbaden, © Gerhard Richter 2018 (06032018)
Gerhard Richter, Königin Elisabeth, 1967, Museum Wiesbaden, © Gerhard Richter 2018 (06032018)

Gibt es aus den vergangenen Jahren eine Ausstellung, die dich ganz besonders beeindruckt hat und warum?

Es fällt mir schwer, eine einzige Ausstellung zu nennen. Die Werke von Günter Fruhtrunk sind mir wegen ihrer revolutionären Farbrhythmen besonders im Gedächtnis geblieben – seine Streifen haben es sogar auf eine Aldi-Tüte geschafft. Auch die dichten Buntstiftschraffuren von Slawomir Elsner, präsentiert im Jahr 2022, haben mich verzaubert. Jede Ausstellung brennt sich mit eigenen, bleibenden Erinnerungen ins Gedächtnis ein.

Slawomir Elsner. Selbstbildnis (nach Alexej von Jawlensky, 1912, Museum Wiesbaden), 2021. Courtesy the artist und Galerie Gebr. Lehmann, Dresden (Foto: Sebastian Schobbert)

Welche Kunstrichtung ist dir denn am nächsten?

Ich höre Klassik ebenso gerne wie Hip-Hop, Jazz oder elektronische Musik. Genauso würde ich mein Verhältnis zur bildenden Kunst beschreiben. Ich kann mich für Alte Meister, den Jugendstil oder Zeitgenössisches gleichermaßen begeistern. Zum Glück muss ich mich da gar nicht für oder gegen etwas entscheiden. Manches berührt mich, manches nicht.

Und wie nah bist du im Museum Wiesbaden an der Natur?

Zugegeben nicht ganz so nah wie an der Kunst. Aber natürlich verfolge ich aufmerksam, welche tollen Projekte in der Natursparte ausgearbeitet und präsentiert werden. So hat mir die Gift-Ausstellung zahlreiche Erkenntnisse beschert. Ich weiß auch noch, wie fasziniert ich aus einer Führung mit Fritz Geller-Grimm durch die Asservatenkammer der Natur im Museumskeller herauskam.

Wie siehst du den Stellenwert des Museums Wiesbaden und den der Freunde des Museums in der Stadtgesellschaft?

Das Museum Wiesbaden ist die erste Adresse für Bildende Kunst in Wiesbaden. Es hat nicht nur einen festen Platz in der Kulturlandschaft der Metropolregion Rhein-Main, sondern genießt auch in unserer Stadt hohes Ansehen und große Beliebtheit. Die gesamte Breite der Stadtgesellschaft hat das Museum Wiesbaden zwar noch nicht erreicht, doch mit verschiedenen Initiativen – wie den Jungen Freunden – öffnet sich das Haus immer mehr für neue Zielgruppen. Das, was im Museum passiert, strahlt in die Stadt. Und viele, die sich in der Stadt engagieren, setzen sich auch für die Freunde des Museums ein. Diese Wechselwirkung macht das Museum Wiesbaden zu einem besonderen Ort.

Einige Titelbilder der von Curt Bloch herausgegebenen Hefte „Het Onderwater-Cabaret“ aus dem Widerstand, jedes mit einer individuellen Collage versehen. (Bild: Het Onderwater-Cabaret e.V.)

Lass uns bitte kurz über dein Engagement für Curt Bloch sprechen. Wie kam es zu dieser international bekannt gewordenen Wiederentdeckung eines jüdischen Schriftstellers? Unter anderem hat die Agentur den Grimme Online-Award dafür erhalten, Glückwunsch!

Tausend Dank! Diese Blumen nehme ich gerne stellvertretend für alle entgegen, die sich an diesem großen Projekt beteiligen. Es wird mich und viele andere noch über einen längeren Zeitraum begleiten.

Vor vier Jahren nahm Simone Bloch aus den USA mit mir Kontakt auf. Sie dachte, dass ich mich für den kreativen Nachlass ihres Vaters interessieren könnte. Damit lag sie goldrichtig. Der deutsche Jude Curt Bloch hat sich von 1942 bis 1945 vor den Nazis versteckt, im Versteck fertigte er kleine Magazine mit handgeschriebenen Gedichten an. Auf die Ereignisse des Krieges machte er sich so sprichwörtlich seinen eigenen Reim, mit spitzer Feder kommentierte er aus dem Untergrund die allgemeine Lage, Bloch spottete über Hitler, Goebbels & Co., gewährte Einblicke in sein Gemüt zwischen Hoffen und Bangen. Die Hefte zirkulierten im Kreise des Widerstands in der niederländischen Stadt Enschede.

Das war wohl kaum bekannt?

Ja, bis vor kurzem kannte niemand diese unglaubliche Geschichte, die Magazine lagerten viele Jahrzehnte im Regal der Familie Bloch an der Upper West Side. Und die Familie wusste nicht, was sie mit diesem Familienschatz anfangen sollte. Ich reaktivierte zunächst einen Kontakt mit dem Jüdischen Museum Berlin, wo die Originale nun im Archiv für die Forschung zugänglich sind. Und zusammen mit meinem Kreativteam von Q konnte ich alle 1.700 Seiten über die Website www.curt-bloch.com frei verfügbar machen. Dort sind nicht nur sämtliche Texte in drei Sprachen zu lesen. Über die Hälfte der Verse sind auch als Audiodatei verfügbar – eingesprochen von Holocaust-Überlebenden ebenso wie von Persönlichkeiten aus Schauspiel und Kabarett. So durfte ich mit Bjarne Mädel, Matthias Brandt, Georg Stefan Troller, Iris Berben und vielen weiteren Talenten zusammenarbeiten.

Und nun ist Iris Berben auch die Schirmherrin der Ausstellung „Die blauen Reiterinnen“ in unserem Museum …

Berben ist dafür genau die richtige Wahl, eine tolle Frau! Sie hat übrigens einen der berührendsten Texte von Curt Bloch eingesprochen. Das Gedicht „Ein Gruß“ hat der Untergetauchte seiner kleinen Schwester Helene zu ihrem 20. Geburtstag gewidmet. Was er erst nach der Befreiung erfuhr: Zu dem Zeitpunkt, als er diese Reime in Umlauf brachte, war Helene bereits im Vernichtungslager Sobibor ermordet worden. Wenn ich das Gedicht mit Iris Berbens Stimme höre, bricht es mir noch immer das Herz. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie sich ehrenamtlich an unserer Initiative beteiligt hat. Die Bedeutung eines solchen Erinnerungsprojektes ist angesichts der wachsenden Zahl von Extremisten und Geschichtsvergessenen in Deutschland und Europa nicht hoch genug einzuschätzen.

Auch Fritz Kahn, Arzt und „Pionier der Infografik“ – wie Bloch von den Nazis verfolgt – sollte hier erwähnt werden. Du hast ihm zusammen mit Deiner Schwester Uta von Debschitz ein außergewöhnliches Buch gewidmet. Wie kam es dazu?

Den Sohn von Fritz Kahn habe ich in Brooklyn kennengelernt, als ich bei einer Designagentur in New York gearbeitet habe. Zu seinem Vater, der in der Weimarer Republik ein erfolgreicher Sachbuchautor war, gab es keinen Wikipedia-Eintrag, kein Werkverzeichnis, keine im Internet verfügbaren Informationen zur Person. Fritz Kahn war komplett in Vergessenheit geraten. Als Uta und ich uns näher mit ihm beschäftigten, wurde uns klar, welche bahnbrechenden Infografiken er in seinen Büchern veröffentlicht hatte – vor allem zur Erklärung des menschlichen Körpers. Wir trugen Fritz Kahns Oeuvre zusammen und wählten die 350 besten Motive aus. In Benedikt Taschen fanden wir dann den richtigen Verleger, um Kahn der nationalsozialistischen Kulturzensur zu entreißen und ihm durch eine mehrsprachige Monografie seine internationale Bedeutung zurückzugeben. Im Herbst erscheint die vierte Auflage. Das Buch ist geschrieben und erfordert meinerseits keinen zeitlichen Einsatz mehr, aber die Betrachtung von Kahns Bildern bereitet mir bis heute größtes Vergnügen.

„Der Mensch als Industriepalast“ (Detail) – ein Plakat, das Dr. Fritz Kahn vor genau 100 Jahren seiner berühmten Buchserie „Das Leben des Menschen“ beilegte. (Abbildung: fritz-kahn.com)

Soziales und kulturelles Engagement liegt dir sehr am Herzen. Das pflegst du auch mit deinem Rotary Club. Ich denke z. B. an die sehr früh auf den Weg gebrachte Ukraine-Hilfe. Das war sicher auch eine logistische Herausforderung?

Ich war Präsident meines Rotary Clubs Wiesbaden-Kochbrunnen, als die ersten russischen Raketen in der Ukraine einschlugen. Also planten wir spontan unser Vortragsprogramm um: Wir organisierten ein Zoom-Gespräch mit einer jungen Ukrainerin, die sich „live“ aus einem vollbesetzten Fluchtwagen auf dem Weg von Kiew in den Westen des Landes zuschaltete. Im Hintergrund schrie ein Baby, der Stress war intensiv. Wir erfuhren aus erster Hand, wie viel Not und Verzweiflung dieser Angriffskrieg bei den Betroffenen verursachte.

Und Ihr habt in Windeseile reagiert …

Unsere rotarische Gemeinschaft setzte sofort ein Programm auf, das hunderttausende Euro an Spenden einwarb, Hilfsgüter in vielfacher Höhe transportierte – und bis heute andauert. Gerade am letzten Wochenende fuhr der vom Wiesbadener Autohaus Merbag überlassene Sprinter wieder ins ukrainisch-polnische Grenzgebiet. Auch wenn andere Krisen in der Welt die Schlagzeilen dominieren, unsere Hilfsaktion läuft weiter. Zuletzt haben wir viele Pakete Tiernahrung für Rettungshunde, die Verschüttete aufspüren, und 192 Feuerlöscher an die Grenze geliefert. Eine von unserer Initiative gelieferte Schutzweste hat einem Arzt bereits das Leben gerettet. Wir freuen uns weiter über Spenden, denn in der Ukraine wird auch für die Freiheit unserer Wertegemeinschaft gekämpft. Die Menschen dort alleine zu lassen, ist keine Option.

Gerne möchte ich Dich gegen Ende unseres Gesprächs fragen, welche Erkenntnisse und Erfahrungen Du aus Deinen Oberbürgermeister-Wahlkampf mitgenommen hast, in dem Du als Parteiloser aus dem Stand ein so respektables Ergebnis bei der Stichwahl erreicht hast.

Am schönsten waren für mich die Begegnungen mit den vielen Menschen, die sich für das Wohl unserer Stadt einsetzen – von der berufspolitischen Ebene bis zu den vielen Engagierten im Ehrenamt. Meine Kandidatur als Parteiloser sollte auch zum Ausdruck bringen, dass in einer Demokratie jede und jeder mitmachen kann – und dass man als Oberbürgermeister einzig den Interessen der Bürgerinnen und Bürger dient. Als Mitglied einer Partei ist man naturgemäß Interessenskonflikten ausgesetzt. Auch wenn es am Ende in der Stichwahl nicht ganz gereicht hat: Ich konnte interessante Kontakte knüpfen, ich konnte meine Stadt und auch mich selbst durch die Kandidatur besser kennenlernen. Und sieh es doch auch einmal so: Wenn ich jetzt OB wäre, wäre ich nicht Vorsitzender bei den Freunden des Museums. Dafür bliebe sicher keine Zeit. Mir ist bewusst, wie fremdbestimmt man als Oberbürgermeister ist.

Und ganz zum Schluss äußere doch bitte jeweils einen Wunsch: an die Stadt und Land, ans Museum und an Deinen Freunde-Vorstand!

Ich wünsche mir von den politischen Verantwortlichen in Wiesbaden, dass sie sich zu einem schlagkräftigen Bündnis zusammenfinden und die Energie nicht – wie zuletzt – durch kleinteilige, zwischenparteiliche Auseinandersetzungen verpufft. Die Vertreibung des „Ball des Sports“ nach Frankfurt war beispielsweise ein politischer Offenbarungseid und hat uns nachhaltig geschadet. Ich liebe diese Stadt, sie hat riesiges Potenzial, verkauft sich aber teilweise unter Wert.

Und was rufst Du dem Land zu?

Meine Bitte an die Landesregierung: Der Erweiterungsbau des Museums muss zeitnah kommen. Denn unser Museum leidet unter Platznot.  Die Architektur ist bereits gefunden, nun sollten allen nötigen Schritten für den baldigen Spatenstrich eingeleitet werden. Ich möchte noch als Vorsitzender dabei sein, wenn Andreas Henning das rote Band zum Anbau durchschneidet.

Jetzt noch ein Wunsch ans Museum und uns Freunde.

Vom Museum sowie dem Freunde-Vorstand und dem Kuratorium unseres Vereins wünsche ich mir, dass der bisher eingeschlagene Weg der fruchtbaren Zusammenarbeit fortgesetzt werden kann.

Das Gespräch führte Ingeborg Salm-Boost


Zur Person
Thilo von Debschitz wuchs im Kreis Offenbach auf und kam als Zivildienstleistender nach Wiesbaden, er diente in den Operationssälen der Orthopädischen Klinik. Während dieser Zeit war er als freier Mitarbeiter für das Feuilleton des „Wiesbadener Kurier“ tätig, er schrieb Film- und Konzertkritiken. Anschließend absolvierte er erfolgreich die Aufnahmeprüfung für den Fachbereich Kommunikationsdesign und studierte dieses Fach an der damaligen Fachhochschule Wiesbaden (heute: Hochschule RheinMain). Mit dem Diplomabschluss in der Tasche folgten Jahre als Angestellter in unterschiedlichen Agenturen, u. a. in New York. Im Jahr 1997 gründete Thilo von Debschitz mit dem Designer Laurenz Nielbock die Agentur Q, sie hat ihren Sitz in der Wiesbadener Walkmühle. Die Lösungen vom kreativen Q-Team wurden mit zahlreichen internationalen und nationalen Preisen ausgezeichnet. Zu den Schwerpunkten der Agentur zählen visuelle Erscheinungsbilder, Magazine und Webseiten. Im Juni 2026 wurde Thilo von Debschitz einstimmig zum Vorsitzenden des Vorstands der Freunde des Museums Wiesbaden gewählt.

 

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