Jour Fixe in Kirchhoffs Sammlung

Kuratorenführung am 28. November 2017

Heinrich Kirchhoff in seinem Garten der Avantgarde. © Museum Wiesbaden/Bernd Fickert
Heinrich Kirchhoff in seinem Garten der Avantgarde. © Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

Eigentlich zog es Heinrich Kirchhoff von Essen aus nach Nizza – damals, im Jahr 1908. Als Erbe des väterlichen Baugeschäfts ermöglichte ihm dessen Verkauf ein Leben als Privatier. Darin sollte seine Liebe zur Botanik eine gewichtige Rolle spielen. Statt Nizza wurde dann Wiesbaden die Stadt, in der er sich niederließ, wohl weil ihm das Klima in der Kurstadt so gefiel. Die herrschaftliche Villa, die er erwarb, umgab schon bald ein Gartenparadies mit einer Fülle seltener exotischer Gewächse, für die Kirchhoff Berühmtheit erlangte. Vielleicht war es der märchenhafte Garten, der seine Begeisterung für die bildende Kunst entfachte. Bereits im Jahr 1908 begann er mit dem Sammeln von Kunstwerken, zunächst mit dem thematischen Schwerpunkt „Natur“, der bis zuletzt bestimmend bleiben sollte. Dabei galt sein großes Interesse der zeitgenössischen Malerei. Er beließ es nicht nur dabei, die Werke der Künstler anzukaufen, sondern förderte sie auch großzügig. Maler wie Conrad Felixmüller gehörten dazu; aber auch für Alexej von Jawlensky, den russischen Expressionisten, war die Förderung durch Heinrich Kirchhoff der Grund, sich in Wiesbaden niederzulassen. Dessen Villa und paradiesischer Garten wurden bald zum Treffpunkt für die Künstler der Moderne: Max Liebermann, Otto Dix, Wassily Kandinsky, Emil Nolde, George Grosz, Paul Klee – sie alle kehrten bei ihm ein, um seinen Rat und sein Urteil zu hören, um über Kunst zu diskutieren und auch um in seinem Garten die seltenen Pflanzen zu betrachten – so besagen es die Aufzeichnungen seiner Tochter Maria Binsack aus dem Jahr 1965.

Der über 600 Werke umfassenden Sammlung Kirchhoffs wurde im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg eine große Bedeutung zuteil. Dabei entsprach die Malerei so ganz und gar nicht dem Geist der damaligen Zeit. Doch als das Museum Wiesbaden im Jahr 1917, bereits zwei Jahre nach dessen Eröffnung, die Sammlung Kirchhoffs präsentierte, überschlug sich die Kunstkritik mit frenetischem Beifall und sah Wiesbaden bereits als künftiges Zentrum der Avantgarde. Und dazu sollte es auch tatsächlich werden, mit der Sammlung von Heinrich Kirchhoff im Zentrum, die zum internationalen Renommee des Museums beitrug. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war es damit vorbei. Die Leihgaben Kirchhoffs an das Museum Wiesbaden, die so viel Aufmerksamkeit erlangt hatten, wurden plötzlich als „entartete“ Kunstwerke gebrandmarkt und mussten entfernt werden. Zurückgegeben wurden sie 1933 an Heinrich Kirchhoff, der kurz darauf starb. Die Zeiten nach dem Krieg waren hart, und die Familie musste ernährt werden. Ermöglicht wurde dies durch den Verkauf der Bilder. Was blieb, war nur die Erinnerung an eine großartige Sammlung.

Anhänger Alexej von Jawlensky: Kleiner Frauenkopf, um 1921, Franz Marc Museum, Kochel a. See, Dauerleihgabe ahlers collection
Anhänger Alexej von Jawlensky: Kleiner Frauenkopf, um 1921, Franz Marc Museum, Kochel a. See, Dauerleihgabe ahlers collection

Hundert Jahre später, am 26. Oktober 2017, sollte es wieder so weit sein: Unter dem Titel „Der Garten der Avantgarde – Heinrich Kirchhoff: ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“ gab es nun ein Wiedersehen mit der Sammlung Kirchhoff im Museum Wiesbaden. Doch bevor die Schau offiziell eröffnet werden konnte, galt es für das Kuratorenteam Dr. Sibylle Discher und Dr. Roman Zieglgänsberger, eine Mammutaufgabe zu bewältigen. Gut zwei Jahre brauchte es, die Sammlung Kirchhoff – die durch die Wirren des Weltkriegs in alle Gegenden der Welt verstreut worden war – zu rekonstruieren. Am Ende gelang es, einen Teil davon wieder aufleben zu lassen: 205 Arbeiten kehrten zurück ins Museum Wiesbaden, viele als internationale Leihgaben, und für einige Werke sollte es von Dauer sein. So konnten manche zurückgekauft werden, wie auch die Arbeit „Herbstblumen mit Katze II“, die Conrad Felixmüller für seinen Förderer Heinrich Kirchhoff anfertigte. Mit dem Erlös der Museumsgala 2017 der „Freunde des Museums Wiesbaden“ wurde der Ankauf möglich.

Die Begegnung mit Heinrich Kirchhoff und dessen herausragender Sammlung, die Wiesbaden im Jahr 1917 zum Zentrum der Avantgarde machte, ist das Thema des Jour Fixe am 28. November 2017. Dr. Roman Zieglgänsberger führt durch die Schau und steht für Fragen gerne zur Verfügung. Treffpunkt ist das Museumscafé um 18 Uhr.

Wassily Kandinsky, Ein Zentrum, 1924, Gemeentemuseum Den Haag, Niederlande
Wassily Kandinsky, Ein Zentrum, 1924, Gemeentemuseum Den Haag, Niederlande

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