Kolumne: Unter Freunden

Wenn Bilder auf Reisen gehen

Liebe Freundinnen und Freunde des Museums,

die Ausstellung „Aufbruch und Umbruch – Expressionismus in der Sammlung Brabant“, die im Aschaffenburger KirchnerHAUS so wunderbar gestaltet war, ist zwar schon vorüber. Doch ich möchte Ihnen hier auf unserer Website einige Bilder zeigen, die unser Wiesbadener Sammler und Museumsfreund ausgeliehen hatte: Beispielsweise Erich Heckels „Die Geschwister“, Ernst Ludwig Kirchners „Mariele“ oder Emil Noldes „Händler“. Und ich möchte denjenigen unter ihnen ein paar Worte dazu erzählen, die das KirchnerHAUS und den ambitionierten, gleichnamigen Verein (noch) nicht kennen. Frank Brabant ist mit ihm und mit der Vorsitzenden Dr. Brigitte Schad eng verbunden.

Erich Heckel: Geschwister
Erich Heckel: Geschwister

Die Kunsthistorikerin und der Sammler kennen sich schon lange Zeit. Bevor 2014 die erste Ausstellung im KirchnerHAUS am Hauptbahnhof von Aschaffenburg stattfinden konnte, hatte Frank Brabant schon zweimal eine Auswahl seiner eindrucksvollen Sammlung der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche zur Verfügung gestellt. Die Kunsthalle wurde von Brigitte Schad geleitet. So entstand ein ständiger Austausch, und es verwundert nicht, dass Brabants Bilder, etwa von den „Brücke“-Malern, ihren Weg ins Geburtshaus von Kirchner fanden.

Bleiben wir kurz beim Geburtshaus:  Es war lange Zeit in einem desolaten Zustand, „keiner interessierte sich dafür“, berichtete Brigitte Schad bei unserem Besuch in Aschaffenburg. Stattdessen gab es im Gebäude eine Spielhalle, und oben, wo man heute das Kinderzimmer des schon in jungen Jahren malenden Ludwig mit inspirierendem Blick auf die Züge besichtigen kann, war alles leer und verwahrlost. Eine Bürgerinitiative wollte erreichen, dass die Stadt das Haus erwirbt und zum Museum macht. Schließlich gründete sich der KirchnerHAUS-Verein und kämpfte dafür. Doch seine Bestrebungen waren zunächst nicht von Erfolg gekrönt. Am Ende gab es im Rathaus keine Mehrheit für den Erwerb des Hauses, die Spielhallenbetreiber kauften den Bau. Immerhin, unter der Maßgabe, ihn denkmalgerecht zu sanieren und einer kulturellen Nutzung zuzuführen – kein Ruhmesblatt für die Stadt.

Alexey von Jawlensky: Bad Schwalbach
Alexey von Jawlensky: Bad Schwalbach

Doch wie sich der Verein – er zählt heute 240 Mitglieder, und auch Frank Brabant ist dabei – einsetzte, das Projekt KirchnerHAUS voranbrachte und am Anfang ohne jeden Mietzuschuss von der Stadt betrieb, das ist aller Ehren wert, und deshalb wollte ich diese Geschichte mit Ihnen teilen. Gut, dass es dann eben auch Sammler wie Frank Brabant gibt, der hier durch Leihgaben Unterstützung leistet. Dass im kleinen, feinen Museum anhand der Bilder aus Wiesbaden dargestellt werden konnte, wie sich die expressionistische Malerei mit der Gründung der Künstlergruppe „Brücke“ (1905) entwickelte und dann unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs eine Wendung erfuhr, ist Brabant zu verdanken.

Ernst Ludwig Kirchner: Mariele
Ernst Ludwig Kirchner: Mariele

Brigitte Schad beschreibt es unter anderem so: Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, zunächst auch Bleyl, warfen sämtliche Regeln des akademischen Kunstbetriebs über Bord und schufen sich „Arm- und Lebensfreiheit“ zur Verwirklichung ihrer neuen revolutionären künstlerischen Ideen. Den Krieg begrüßten sie zunächst als Befreiung vom Wilhelminischen Kaiserreich mit seinen verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen – bis sie desillusioniert zunehmend nüchterner und politischer wurden. Bis zur „Neuen Sachlichkeit“ und dann zum „Spätexpressionismus“, eine gemäßigte „weichere“ Formensprache, so drückt es Brigitte Schad aus. Sie konnte sich übrigens kurz vor dem Ende der Ausstellung, für die Brabant allein sieben Werke Emil Noldes ausgeliehen hatte, über den Besuch und das Interesse von Dr. Helmut Müller freuen. Sie wissen vielleicht: Der frühere Wiesbadener Oberbürgermeister ist heute Geschäftsführer des Kulturfonds Rhein-Main – und ebenfalls Mitglied bei den Freunden des Museums Wiesbaden.

Sollten Sie Lust haben, das KirchnerHAUS einmal zu besuchen: Vom 23. September bis 17. Dezember wird wieder eine Ausstellung eröffnet. Sie zeigt, dass Ernst Ludwig Kirchner auch Druckgraphiken geschaffen hat, jede einzelne von eigener Hand, jede ein Unikat. Unter dem Titel „Von Dresden nach Davos. 30 Jahre Kirchner-Graphik – Schätze einer Sammlung“ werden sämtliche Blätter erstmals zusammen gezeigt. Klingt spannend!

Emil Nolde: Händler
Emil Nolde: Händler

Frank Brabant hat inzwischen seine Bilder aus Aschaffenburg zurückbekommen. „Immer eine aufregende Sache“, verrät er zum Transfer. 32 Arbeiten aber sind schon wieder auf Reisen und gut angekommen im Schloss Opherdicke bei Unna, wo man immer wieder gerne auf Werke des Wiesbadeners zurückgreift.  Bis in den November ist dort die Ausstellung „Der Blick nach innen – von Stillleben bis Interieurs“ zu sehen. Zum Beispiel aus der Sammlung Brabant Cesar Kleins „Stillleben mit japanischem Schirm“, ein Bild, das auch in Aschaffenburg zu bewundern war.

Cesar Klein: Stillleben mit japanischem Schirm
Cesar Klein: Stillleben mit japanischem Schirm

Oder etwa Max Beckmann, Paul Kleinschmidt, Werner Scholz. Das Ausleihen ist für Brabant selbstverständlich, auch wenn er nicht so gerne zu Hause leere Stellen an seinen Wänden hat und immer wieder „umhängen“ muss. Wenn er – was kaum jemand, der ihn kennt, glauben mag – im April 80 Jahre alt wird, werden die Wiesbadener Museumsmacher einem Teil seiner Sammlung eine große Ausstellung widmen. Und schon im November ehrt ihn seine Heimatstadt Schwerin mit einer großen Ausstellung. Dort wird einen Tag vor der Eröffnung sogar die Brabant-Stiftung gegründet. Wie bereits in unserem Interview mit ihm vor einigen Monaten berichtet, geht Brabants große Sammlung mit rund 600 Werken an beiden Museen. Die Kuratoren sollen sich schon über ihre „Verteilung“ geeinigt haben. Doch 2018 gibt es die Bilder erst einmal nur auf Zeit, und dazu einen gemeinsamen Katalog. Wenn der passionierte Sammler im Frühjahr 2018 dann das eine oder andere Bild zu Hause allzu sehr vermissen sollte, dann hat er es nicht so weit bis in die Wiesbadener Friedrich-Ebert-Allee …

 – Ingeborg Salm-Boost

Josef Eberz: Im Garten Kirchhoff
Josef Eberz: Im Garten Kirchhoff

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