Literatur im Museum

Neue und alte Allianzen oder „Don’t forget Quappi“

Es gibt eine neue Allianz in Wiesbaden: Die Freunde des Museums Wiesbaden hatten zusammen mit dem Literaturhaus Villa Clementine kürzlich zu einem Literaturabend eingeladen, Max Beckmann und seine zweite Ehefrau Quappi standen im Vortragssaal des Museums im Mittelpunkt. Kein Ort in Wiesbaden hätte sich besser geeignet, um an dieses schillernde Paar zu erinnern. Keine zwanzig Meter weiter hängt in der Dauerausstellung das Gemälde „Weiblicher Akt mit Hund“ von 1927.

Max Beckmann, Weiblicher Akt mit Hund, 1927, Museum Wiesbaden, erworben 1987 aus dem Nachlass Hanna Bekker vom Rath (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)

Es handelt sich, sagt Kustos Roman Zieglgänsberger, ohne Zweifel um eine sehr intime erotische Darstellung von Quappi. Quappi ist der Kosename von Mathilde Kaulbach, die Max Beckmann 1924 kennenlernt und wenig später, nach der Trennung von seiner ersten Frau, heiratet. Und Quappi ist ein „It-Girl“, erzählt Marianne Ludes, die ein sehr Buch über das außergewöhnliche Ehepaar Beckmann geschrieben hat. Als Tochter des überaus geschätzten Salonmalers Wilhelm von Kaulbach war Quappi exzellent ausgebildet, eine brillante Geigerin und Sopranistin, sie beherrschte fünf Sprachen und war gut vernetzt in der Szene. Aber sie war auch überaus lebenslustig, sehr beliebt, verdrehte den Männern den Kopf und gab doch alles auf, um Max Beckmann zu unterstützen.

Wie so oft hat bei der Entstehung des Romans „Trio mit Tiger“ der Zufall eine Rolle gespielt. Marianne Ludes und ihr Mann kamen vor einigen Jahren in Berlin an einem Auktionshaus vorbei, das ein Gemälde von Max Beckmann versteigern wollte. Als Eigentümerin wurde eine Frau Göpel angegeben, wohnhaft in der Kaulbachstraße 62 in München. Und in eben jenem Haus befand sich auch das Büros Ludes. Marianne Ludes wurde neugierig und fand schnell heraus, dass es sich um die verwitwete Frau von Erhard Göpel handelte. Der ehemalige Hauptmann der deutschen Wehrmacht sollte im Zweiten Weltkrieg für ein neu zu gründendes Führermuseum in Linz am Rhein (Österreich) Bilder im Ausland erwerben. Und er war ein guter Freund von Max Beckmann, eine ganz merkwürdige Allianz. Wie kann das sein? Beckmann war doch von den Nazis als entarteter Künstler diffamiert und bereits 1933 an der Städelschule in Frankfurt am Main entlassen worden …

Zwei Facetten von Erhard Göpel, Abbildung während des Vortrags. Links: Max Beckmann, Der Traum von Monte Carlo, 1943. Rechts: Max Beckmann, Bildnis Erhard Göpel, 1944 (Foto: Martina Caroline Conrad)

Nachdem Beckmann vor der Gestapo 1937 ins Exil nach Amsterdam geflüchtet war, wurde der Kunsträuber Göpel ein wichtiger Freund und Gesprächspartner. Beckmann hat ihn in seinen zwielichtigen Facetten gemalt – einmal im Porträt und einmal als mordlüsterner, fieser Typ zusammen mit französischen Kollaborateuren und Kriegsgewinnlern.

Marianne Ludes erzählt all das in ihrem Roman aus der Perspektive von Quappi. Nachdem sie gegoogelt hat, dass es zum Künstler Beckmann mehr als 3.500 Publikationen gibt, aber zu Quappi keine einzige, erfindet sie ein fiktives Tagebuch jener Frau, die ihr Leben für Max Beckmann gelebt hat. Selbstbestimmt hat Quappi eine Karriere als Sängerin in Dresden ausgeschlagen und wurde für den Maler Muse, Freundin, Modell und Ehefrau. Eine Allianz fürs Leben. Überall finden sich bei der Lesung und den Erzählungen von Marianne Ludes Ambivalenzen und Grauzonen: Da ist Erhard Göpel, ein Unterstützer der Nazis, und doch hat er in Amsterdam nachweislich auch Juden gerettet. Göpel verhindert die Musterung des bereits vom Ersten Weltkrieg traumatisierten Max Beckmann im besetzten Amsterdam.

Quappi als lustiges Pferdchen. Bild von ihr im Pferdekostüm, gezeigt am Vortragsabend. Auf der Bühne im Museum Marianne Ludes und Moderator Uwe Wittstock. (Foto: Martina Caroline Conrad)

Da ist Quappi, die im realen Tagebuch – das Marianne Ludes später im Nachlass von Beckmann findet – davon spricht, auf ein Kind verzichten zu müssen, denn Beckmann brauche all ihre Liebe und Kraft. Da gibt es, so Roman Zieglgänsberger, den Frankfurter Verleger Hartmann, dem die Nazis hochwertiges Papier zur Verfügung stellen, um das Inventar des geplanten Führermuseums in Linz zu erstellen. Hartmann schickt heimlich einen Teil an Beckmann in Amsterdam, damit dieser malen kann. Eine Allianz des Widerstandes.

Ochsenstall (Vieh im Pferch), 1933, Museum Wiesbaden, erworben 1987 aus dem Nachlass Hanna Bekker vom Rath (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)

Und da ist schließlich Max Beckmann: ein starker Trinker, ein fanatischer Raucher und einer, der fremdgeht. Aber auch ein brillanter Künstler, der nicht ohne die Kunst und nicht ohne Quappi leben kann. In einem Liebesbrief (Nachlass) hat er einmal geschrieben: Wir haben das seltene und großartige Glück, dass wir uns vielleicht gleichstark lieben. Und doch ist diese Allianz ständig vom Leben im Dritten Reich bedroht. Auch der Zufluchtsort Amsterdam wird von den Nazis besetzt, es herrschen Not, Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit. Und genau das thematisiert der Künstler immer wieder.

An diesem Abend der ersten Allianz zwischen dem Literaturhaus Villa Clementine und dem Museum Wiesbaden trafen Fiktion und Wahrheit, Imagination und Realität aufeinander. Marianne Ludes und Roman Zieglgänsberger beleuchteten ein Stück Lebensgeschichte des Jahrhundertkünstlers Beckmann. Atemlos lauschte ein Publikum, das sich wie die Protagonisten zwischen Moral und Überleben, inneren Dämonen und äußerer Not bewegte. Wir näherten uns Max und Quappi immer mehr an und zum Schluss glaubten alle zu verstehen, warum die Zeit der Nazi-Diktatur nicht nur schwarz oder weiß war. Aber auch, warum Max Beckmann so gelitten hat und aus diesem Leid seine unvergleichbare Kunst entstanden ist. Marianne Ludes berichtet z. B. von einem Tagebuch-Eintrag Max Beckmanns „gestern schwer gesoffen …“. Bei Quappi steht für den gleichen Tag im Tagebuch „Mimi Kaiser gestern deportiert …“.

Beckmanns Credo im Schmerz: „Ich will leben, trotzdem“. Und so existieren Not und Vergnügen direkt nebeneinander. Das Leben als wüste Quälerei hat nur einen Sinn, wenn man das Grauen zudeckt, sich betrinkt, sich amüsiert.

Martina Caroline Conrad

 

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