Otto Ritschl in Werkschau und Film
„Noch zwei Jährchen“ – dem „Unvollendeten“ zum 50. Todestag
Der eine ist heute weltbekannt, der andere nur Insidern ein Begriff – und doch teilten die Maler Alexej von Jawlensky und Otto Ritschl in der NS-Zeit das Los der entarteten Künstler mit Ausstellungsverbot. Damals soll Ritschl seufzend gesagt haben: „Herr Jawlensky, Sie haben es gut – Sie sind schon im Ausland bekannt.“ Und jener soll erwidert haben „Oh, Herr Ritschl, machen Sie sich keine Sorgen – Sie sind auch schon bekannt, die Leute wissen es nur noch nicht.“

Und der gebürtige Russe Jawlensky sollte recht behalten, zumindest vorübergehend. Otto Ritschl war 1955 auf der documenta 1 und 1959 auf der documenta 2 vertreten. Aber heute? Nur wenige Museen besitzen Werke des Künstlers, große Ausstellungen gibt es schon lange nicht mehr. Allein Wiesbaden hat den 1885 in Erfurt geborenen Künstler nicht vergessen, vielmehr gibt es jetzt fünfzig Jahre nach Ritschls Todestag, dem 1. Juli 1976, eine kleine Werkschau im Oktogon.

„Nur noch zwei Jährchen“ – das soll sich Otto Ritschl auf dem Totenbett gewünscht haben. Vielleicht, weil er das Gefühl hatte, mit seinem Werk noch nicht fertig zu sein? Wir wissen es nicht, aber blicken heute zurück auf rund 1.600 Bilder und ein langes Leben des Künstlers. Zahlreiche Kunstfreunde sind wieder neugierig auf Otto Ritschl.

Otto Ritschl ist in Hannover aufgewachsen und war wohl ein Wunderkind: In eine Theologenfamilie hineingeboren wusste er jedoch früh, dass er diesen Weg nicht einschlagen wird. Schon mit vier Jahren hat er sein erstes Theaterstück geschrieben, als Schüler aquarelliert und sich dann doch beim Militär verpflichtet. So kam Ritschl nach Mainz und später nach Wiesbaden, wo er bis 1976 lebte.

Die Begeisterung der ersten Kriegsmonate war unbeschreiblich und ist heute nicht mehr verständlich. Ich bildete Landwehr-Rekruten aus … Als ich im Herbst 1918 einmal wieder, wie zufällig, auf den Jammer der zurückflutenden Truppen traf, drehte es mich um. Zu Hause zeichnete ich mit Kohle auf die Rückwand eines großen Spiegels aufgetürmte Totenköpfe.
Damit begann der Maler, das Schreiben war beendet.
Das früheste im Werkverzeichnis aufgeführte Gemälde hat den Titel „Der irrende Soldat“. Mit expressiven Pinselstrichen zeigt es eine Figur, die mit leerem Blick aus dem Bild herausschaut. Leider ist diese Abbildung im Werkverzeichnis nur schwarz-weiß, denn wie viele andere Arbeiten wurde es verkauft, und lediglich Fotos sind erhalten. Aber immerhin kann man es auf diese Weise noch betrachten, denn Ritschl selbst hat 1925 die meisten seiner expressionistischen Frühwerke zerstört – ebenso wie die Bilder der Neuen Sachlichkeit. Qualitätsmäßig genügten sie nicht mehr den Ansprüchen des Autodidakten Otto Ritschl. Ein Jammer, muss man sagen, wenn man eines der noch existenten Werke kennt.

Es gab für mich nur eine Möglichkeit: die Abmalerei jeder Weise aufzugeben. Die „Formzertrümmerung“ setzte ein.
Reisen nach Paris in den 1920er Jahren führen zu Begegnungen mit Pablo Picasso und Max Ernst. Die Bilder von Otto Ritschl werden surreal und kubistisch, der Weg in die Abstraktion beginnt.
1932 hatte ich noch eine Ausstellung Abstrakter im Kunstverein Wiesbaden durchgesetzt. Im Frühjahr 1933 stellte ich in Essen im Folkwang aus. Nach dem entscheidenden Wahlsonntag bekam ich eine Postkarte: „Ihre Bilder wurden zum Schutz des Volkes abgehängt.“

Als entarteter Künstler geht Otto Ritschl in die innere Emigration, hört auf zu malen, er und sein Freund Jawlensky sind bitterarm. Aber sie sind sich intellektuell sehr nahe, beide dem Geistigen verpflichtet. Das Atelier Ritschls wird im Zweiten Weltkrieg ausgebombt, zum Glück waren die Bilder versteckt und wurden gerettet. Nach den 1950er Jahren findet der Maler dann seinen abstrakten Stil.
Als der Tachismus wie ein Steppenbrand wütete, malte ich „geometrisch“, und als von Amerika wieder harte Formen eingeführt wurden, erschienen meine wie fließende Wolken.
Wirbelnde Nebel wie die Urform von Materie in türkis, rot, lila oder blau und grün bestimmen das Spätwerk. Kosmische Kräfte übernehmen ab den 1960er Jahren die Bilder. Der Künstler hat sich ganz zurückgezogen, nur noch die Malerei bestimmt das Leben von Otto Ritschl, der 1958 seine Ehefrau verloren hatte.
Musik und Malerei gehen hier Hand in Hand, Otto Ritschl liebte klassische Musik, Freiräume und Spiritualität. Einige seiner dreiteiligen Spätwerke befinden sich heute in Wiesbadener Kirchen.
Aus der Rückschau auf das Œuvre wird offensichtlich, dass der Künstler Otto Ritschl eine Weile entlang des Mainstreams (Kubismus, Neue Sachlichkeit, Informel) arbeitete. Doch spätestens ab den 1960er Jahren ist sein Werk absolut eigenständig und einmalig.

Der Nachlass und viele Werke sind heute im Besitz des Museumsvereins Ritschl. Auf dessen Website www.otto-ritschl.org finden Sie auch einen neuen Film, der gerade erst Premiere im Museum Wiesbaden hatte. Während einer Matinée im vollbesetzten Saal wurde die Dokumentation „Otto Ritschl – ein Leben für die Farbe“ von Andreas Clarysse präsentiert. Unser Haus der Kunst und Natur bewahrt zusammen mit dem Ritschl-Verein das Erbe des Künstlers, der zu Unrecht überregional wenig bekannt ist. Der Grund: Ritschl legte keinen Wert auf die Meinung von Kunstkritikern und blieb auch dem Kunstmarkt fern. Preise für seine Gemälde soll er nach eigenen Maßstäben festgelegt haben – und da galt: Was seinen Ansprüchen genügte, kostete viel, alles andere weniger.
Martina Caroline Conrad
Zitate aus: „Otto Ritschl – Das Gesamtwerk 1919-1972“, Verlag W. Kohlhammer 1973, und „Ritschl – das Werkverzeichnis 1919-1976“, Verlag Hirmer 2017