Taylor Swift und Ophelia
„Kulturverstärkerin fürs Museum Wiesbaden“
Der Hype und die Begeisterung gehen weiter! Seit geraumer Zeit strömen Fans von US-Superstar Taylor Swift in Scharen ins Museum Wiesbaden. Sie kennen den Grund: Die Sängerin hat im Video zu ihrem Anfang Oktober erschienen Song „The Fate of Ophelia“ das Gemälde „Ophelia“ eingearbeitet, das man im Original im Museum Wiesbaden sehen kann. In dem Video präsentiert sich Taylor Swift zudem unter anderem im entsprechenden Ophelia-Outfit und in der entsprechenden Pose – für gerade einmal zehn Sekunden. Aber diese wenigen Sekunden haben gereicht, dass das Museum Wiesbaden nun weltweit in die Schlagzeilen geraten und Thema für Nachrichtensendungen geworden ist. Direktor Dr. Andreas Henning nennt, beschwingt vom Trubel im Haus der Kunst und Natur, Taylor Swift „Kulturverstärkerin des Museums Wiesbaden“.

Das Museum hat auf den unverhofften und anhaltenden Ansturm der „Swifties“ längst reagiert. Beispielsweise gibt es eine „Selfie-Ecke“, demnächst gibt es die „Swifty-Tour“. Und wie bei uns angekündigt, gab es einen Vortrag zu dem dank Taylor Swift inzwischen wohl weltbekannten Gemälde, das von Friedrich Wilhelm Theodor Heyser (1857 bis 1921) geschaffen wurde und das dank der Jugendstil-Sammlung von Ferdinand Wolfgang Neess seit mehr als sechs Jahren zum Museum Wiesbaden gehört. Rund um den Event am Sonntag , der binnen kürzester Zeit ausverkauft war, war das Museum ganz in der Hand der Swift-Fans, die zum Teil viele Kilometer Anfahrt in Kauf nahmen. Und wer glaubte, es seien nur Teenager, die sich dafür begeistern, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Sandra Maus kam mit einigen Freundinnen ins Museum. „Wir sind zwischen Anfang vierzig und Mitte fünfzig“, erzählte die Wiesbadenerin. Vor dem Vortrag standen erst einmal Fotos in der „Selfie-Box“ an. Dem Original entsprechend legten sich die meisten, überwiegend weiblichen „Swifties“ in Ophelia-Pose auf die davorstehende Bank. Zeitweise war vor der „Selfie-Box“ regelrecht Schlangestehen angesagt. Die ebenfalls zahlreichen Medienvertreter fingen hier Stimmen und Bilder ein.

Schräg gegenüber der „Selfie-Box“ gab es die Möglichkeit, Ophelia-Freundschaftsbändchen zu basteln. Was in dem aus „Swifties“, Journalisten und „herkömmlichen“ Museumsbesuchern bestehenden Gewusel sofort auffiel: Zahlreiche Fans hatten sich in Anlehnung an das Video entsprechend ge- und verkleidet. Das Museum hatte ja auch angekündigt, dass der Eintritt im Swift-Outfit kostenfrei sei …

Matilda beispielsweise fiel durch ihren Kopfschmuck auf. Die 17-Jährige war mit ihrer Mutter aus dem Saarland nach Wiesbaden gereist. „Ich werde das Thema Ophelia im Kunstunterricht verarbeiten“, erzählte uns Matilda, die selbstverständlich ein nach eigenem Bekunden „absoluter Fan“ von Taylor Swift ist. Nives (16) und Imke (17) fielen ebenfalls durch eine an Ophelia orientierte Kleidung auf. Nives hat die US-Sängerin bereits live erlebt und zeigte sich auch im Museum begeistert – vom Video und vom Gemälde.

Dann endlich signalisierte ein Gong den Beginn des Vortrags, den Museums-Pädagogin Ann-Kathrin Spieß hielt. Dafür hatte man das Gemälde in den Vortragssaal umplatziert. Für nicht wenige der offiziell 200 Zuhörenden überwiegend weiblichen Geschlechts war es das erste Mal, dass sie das Gemälde „live“ zu Gesicht bekamen. „Es ist wunderschön“, befand nicht nur Jennifer (22) aus Darmstadt. Auch Deborah (17), Taylor-Swift-Fan seit zehn Jahren, zeigte sich fasziniert von dem Werk.
Ann-Kathrin Spieß war begeistert angesichts der „vielen jungen Menschen“. Sie spannte in ihrem Vortrag einen Bogen, der von Taylor Swift über Ophelia als Figur in William Shakespeares um 1601/1602 aufgeführten Werk „Hamlet“ bis hin zu dem gehypten Jugendstil-Gemälde und dem Musikvideo reichte. Ophelia als Sinnbild von Unschuld und Verletzlichkeit, was sich mit dem Bild, das um 1900 entstanden sein könnte, zum Ausdruck gebracht wird. Es ist allerdings nicht das einzige Ophelia-Gemälde. Bereits 1852 setzte der englische Maler John Everett Millais das Motiv um. Sein Werk zählt zu den bekanntesten Darstellungen.

Das Museum Wiesbaden rechnet damit, dass der Ansturm der „Swifties“ noch eine Weile anhalten wird. Neben der „Selfie-Box“ gibt es inzwischen auch T-Shirts und weitere Merchandising-Artikel. Und auch das war am Rande des „Swiftie“-Tages immer wieder zu hören: Etwas Besseres hätte dem Museum gar nicht passieren können. Dies betonte nicht zuletzt Direktor Dr. Andreas Henning. Man freut sich sehr, denn die Fans seien durchaus auch „am Rest“ des Museums interessiert und damit wichtige Multiplikatoren geworden. Zudem habe es bislang keinerlei negative Vorfälle gegeben. Möglicherweise wird der Hype sogar noch getoppt. Denn Taylor Swift hat inzwischen vom Land Hessen eine offizielle Einladung zu einem Besuch im Museum erhalten. Man kann sich kaum vorstellen, was passiert, sollte der Superstar diese Einladung tatsächlich annehmen …

„The Swiftie Tour. Museum Wiesbaden lädt zu einer Schnitzeljagd rund um Friedrich Heysers Gemälde Ophelia ein“, heißt es dann ab dem 13. November. So wie Taylor Swift, offenkundig inspiriert vom Kunstwerk Friedrich Heysers, diesem eine neue Deutungsebene verleiht, führt ein von Themen aus Swifts beliebten Songs inspiriertes Suchspiel durch die Dauerausstellungen des Museums. Gibt es noch mehr Referenzen zur Kunst in Taylor Swifts Werken? Tauchen bestimmte Farben wiederkehrend auf?
Teilnehmende erhalten einen Swiftie-Flyer an der Museumskasse und begeben sich individuell auf Tour. Wer mitmacht, kann sich an einem Gewinnspiel beteiligen. An jedem folgenden 13. eines Monats verlost das Museum unter allen richtigen Antworten ein Swiftie-Package aus dem Museumsshop.
Ralph Keim