Unter Freunden

Augen auf für das Schöne …

Neulich mal wieder ein Treffen im Café mit zwei langjährigen Bekannten: Es sei ja schrecklich, wie sich Wiesbaden entwickelt habe, die Innenstadt könne man nur noch ganz fürchterlich finden, das sei ja kaum mehr zu ertragen. Und überhaupt, die Leute – alle so unfreundlich … Alles eben unangenehm. Und dann noch die weltpolitische Lage …

Der Blick auf diese kann wirklich eher Bange denn Freude machen. Und Wegschauen geht hier nicht. Aber was Wiesbaden angeht, da möchte ich doch widersprechen. Natürlich ist es traurig, wenn so viele alteingesessene Läden schließen, die Fußgängerzone tatsächlich früher wesentlich anziehender und sauberer war. Aber es gibt sie doch noch reichlich, angenehme Anlaufstellen in Gastronomie und Geschäftswelt. Ja, man trifft durchaus auch viele freundliche Menschen in der City. Und was wir immer noch haben, dies ist doch das viele Grün, Natur ganz nah – ob Parks, Täler, Neroberg oder Stadtwald (in dem es sich auch an den Hitzetagen gut laufen lässt). Konzert-Erlebnisse im Kurpark oder etwa in der Brita-Arena gehören zum Sommer – weitere vielfältige Freiluft-Angebote, schaut man mal in die Stadtteile. Und nicht zuletzt für heiße wie für regnerische Tage immer wieder eine besondere Empfehlung: Museumsbesuche! Ob unser Haus der Kunst und Natur, mre oder NKV – allein drei Anlaufstellen für Kunstfreunde ganz nah beieinander. Überhaupt, mir ist dieser Tage wieder sehr bewusst geworden: Diese Stadt hat ein reiches Kulturangebot.

„Das Gesicht der Jugendstil-Sammlung F.W. Neess“, so beschreibt das Museum Wiesbaden „La Nature“, Büste des tschechischen Künstlers Alfons Mucha. (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Lassen Sie mich nur ein paar Beispiele herausgreifen, auf die das Kulturamt der Stadt zu Recht gerne aufmerksam macht:

Wie wäre es, mal in der eigenen Stadt TouristIn zu spielen und die „Kultur Route 65“ zu erforschen? Ein „Interaktives Wiesbaden Abenteuer“, so wirbt Wiesbaden Congress & Marketing für eine App, die (in mehr als zehn Sprachen) zu 28 Orten führt. Ich werde die „Sixty Five“ (der Name basiert natürlich auf Wiesbadens Postleitzahl) demnächst ausprobieren, wenn meine Freundin aus Italien zu Gast sein wird.

Oder, wie wäre es mit dem Jugendstil-Pfad durch Wiesbaden, der nicht zuletzt zu unserem Jugendstil-Gesamtkunstwerk, zur Sammlung Neess, führt. Den kleinen, feinen Faltplan ziert „La Nature“, die wunderbare Büste von Alfons Mucha, eines der herausragenden Sammlungsstücke, die wir Ferdinand Wolfgang Neess verdanken.

Oder wie wäre es mit einem Ausflug zur Walkmühle, wo z. B. das „art.ist-Kollektiv“ vor drei Jahren seine Spielstätte eröffnet hat und man ab Mitte August wieder musikalisch in außergewöhnliche künstlerische Positionen eintauchen kann? Natürlich bietet auch der Künstlerverein Walkmühle ein umfangreiches Programm, ab 23. August z. B. die „Wiesbadener Fototage 2025“.

Bis Ende August dauert es noch, dann tanzt Wiesbaden wieder an vielen Stellen unserer Stadt. „Tanz ist mehr als Bewegung, er verbindet Kulturen, erzählt Geschichten und schafft Momente des Dialogs – ganz ohne Worte“, sagt Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl zu diesem Festival. Das hat er schön formuliert!

Schon zu Ende sind die Sommerfestspiele, die das Künstlerhaus 43 in den Burgarten Sonnenberg gezaubert hatte. Und ebenfalls erfolgreich war das Literaturfestival „Ins Offene – Die Fiktion fürchtet nichts!“ des Literaturhaus-Vereins. Diesmal nicht mehr, wie bisher, in Sonnenberg, sondern mitten in der City, auf der Kleinen Wilhelmstraße. Sie wurde zu einem beeindruckenden Veranstaltungsort für Literaturfreunde. Auch unser Museum und unser Förderkreis waren involviert. Denn als Thema einer Sonderveranstaltung hatten die rührigen Aktiven mit der Vorsitzenden Rita Thies an der Spitze sich die Bienen ausgesucht, „Sympathieträgerin des 21. Jahrhunderts“. Und diese sind ja auch das große Thema im Jubiläumsjahr des Museums Wiesbaden. Lesestücke aus dem unbedingt empfehlenswerten Buch „Die Geschichte der  Bienen“ von der norwegischen Bestsellerautorin Maja Lunde wurden kombiniert mit einem Experten-Gespräch über die Bienen in der Natur und in der Kunst. hr2 Kulturradio war dies eine 50-minütige Sendung wert.

Ein „Anlaufpunkt“ beim jüngsten Jour Fixe: „Das Badehaus“ von Marianne von Werefkin (1911). (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Vielleicht noch diese Empfehlungen für Aktuelles: Der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Wiesbaden  (BBK) feiert 70-Jähriges, die Ausstellung ist bis 7. August im Rathaus-Foyer zu sehen. Unser Kustos Dr. Peter Forster hat bei der Eröffnung die Einführungsrede gehalten. Und vielversprechend klingt doch auch „Poesie im Park“, vom 8. bis 10. August im Biebricher Schlosspark.

Aber kehren wir nochmal zurück in unser Museum. Soeben gab es wieder einen (ausgebuchten) Jour Fixe. Valerie Ucke, die seit gut einem Jahr zum Kuratoren-Team gehört, begab sich mit uns in die Klassische Moderne und ganz gezielt zu vier Künstlerinnen, deren Werke und Schaffen nähere Betrachtung wert sind: Marianne von Werefkin, Maria Marc, Gabriele Münter, Ida Kerkovius. Spannend, was und wie Valerie Ucke über das nicht gerade einfache Künstlerinnen-Leben dieser Frauen zu erzählen wusste. Schön mitzuerleben, wie gut unsere Jour-Fixe-Abende ankommen! Dieser hier machte auch neugierig auf die Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“, Preview für uns Freunde am 4. September! Und so viel sei hier schon verraten: Im kommenden Jahr wird sich eine Schau speziell mit den „Blauen Reiterinnen“ befassen. Viel Frauen-Power also im Museum Wiesbaden.

Ausgezeichnet – für ihr großes ehrenamtliches Engagement übergab Landtagspräsidentin Astrid Wallmann der Gründerin und Vorsitzenden der Kunstarche, Felicitas Reusch, das Bundesverdienstkreuz am Bande. (Foto: Hessischer Landtag)

Last but not least möchte ich auf eine Wiesbadenerin zu sprechen kommen, die sich um die Kunst seit Jahrzehnten verdient macht, die vor 31 Jahren unseren Förderkreis mitbegründete und die 2011 mit der „Kunstarche“ etwas ganz Besonderes geschaffen hat: Felicitas Reusch. Sie erhielt nun für ihr großes Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande, überreicht von Landtagspräsident Astrid Wallmann. Warum ich diese Ehrung jetzt erst, am Schluss meiner Betrachtungen „Unter Freunden“ erwähne? Eigentlich, so meinte die von ihren Freunden Feli genannte Kunstexpertin dieser Tage in einem Telefonat, sollte man nicht noch mehr Wind darum machen, es sei schon genug gewesen … Aber wir haben uns darauf geeinigt, dass diese Auszeichnung, wenn schon nicht einen eigenen Beitrag, so doch mindestens einige Worte „Unter Freunden“ wert sein sollte.

Im blauen Musikzimmer des Landtags würdigte Astrid Wallmann Felicitas Reuschs unermüdlichen Einsatz für ein lebendiges Kunst- und Kulturleben in Wiesbaden sowie dafür, dass sie bleibende Werte geschaffen hat, Kunst und Kunstschaffende fördert und vor allem das reiche künstlerische Erbe Wiesbadens maßgeblich zu bewahren hilft. Mit der „Kunstarche“, die 2022 mit dem Kulturpreis der Stadt ausgezeichnet wurde, gelingt Felicitas Reusch nicht nur das Bewahren, sondern ebenso das Wissen in der Gesellschaft über diese Schätze zu mehren, sie der Öffentlichkeit bekannt und vor allem zugänglich zu machen – so beschreibt die Landtagspräsidentin das Wirken von Felicitas Reusch, die sich außerdem u. a. auch im Otto-Ritschl-Verein engagiert.

Die Geehrte hielt nicht nur eine bemerkenswerte, teils nachdenklich stimmende, teils zum Schmunzeln anregende Dankensrede, sie brachte zudem ein Geschenk mit und hofft, dass dieses einen guten Platz im Landtag finden wird: Felicitas Reusch, die in der „Kunstarche“ den Bereich Kalligraphie ausbauen – der „Kunst des schönen Schreibens“ also noch mehr Beachtung geben – möchte, überreichte Astrid Wallmann eine solche Arbeit, geschaffen von dem 1928 in Wiesbaden geborenen Grafiker Hermann Kilian. Sie findet, dass das Wort-Werk sehr gut zur politischen Tätigkeit und damit in den Landtag passt, der sich in der heutigen Zeit mehr denn je für die Demokratie einsetzen müsse: „Gott schenkt uns die Nüsse, aber er knackt sie uns nicht“.

Ingeborg Salm-Boost

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