Unter Freunden

Gelebte Inklusion und „Lebende Bücher“

Erinnern Sie sich noch? In der Osterzeit hatte ich in „Unter Freunden“ den Start des Projekts „Touched by Art“ erwähnt. Profis in Sachen Bildende Kunst und künstlerisch Aktive mit Beeinträchtigungen wurden in zehn Tandems kreativ, ein äußerst gelungenes Beispiel für gelebte Inklusion! Und das beeindruckende Ergebnis kann noch bis Ende August im Bellevue-Saal in der Wilhelmstraße 32 angeschaut werden. Andrea Hausy, Inklusionsbeauftragte unserer Stadt, hatte die Idee, Kunstexpertin Christine Rother-Ulrich war sogleich bereit, als Kuratorin tätig zu werden – und vor allem auch Sponsoren zu finden. Torsten Anstädt fungierte als Projektleiter und betreute die Partner. Es spricht für sich, dass das Auktionshaus Christie’s bereit war, die entstandenen Arbeiten zu versteigern. Und es überrascht auch nicht, dass Reinhard Ernst gleich zusagte, diese Versteigerung in seinem Museum stattfinden zu lassen. Glückwunsch an alle Beteiligten für diese Aktion unter dem Motto „Kunst berührt inklusiv“! Sie baute Barrieren ab, indem engagierte, erfolgreiche KünstlerInnen mit talentierten Laien spannende Werke schufen. Mehr dazu auf touched-by-art.de.

Im Tandem erfolgreich: Die Künstlerin Susanne Ziehlke und Eco haben dieses Gemeinschaftwerk geschaffen – und Reinhard Ernst hat es ersteigert! (Foto: Touched by Art)

Christine Rother-Ulrich hat recht: Hier wurde Kunst als Werkzeug genommen, um damit ein Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz sichtbar zu machen. Eine ganze Reihe von Werken hat schon ihre Besitzer gefunden, aber auch einige der ersteigerten sind im Bellevue-Saal beim Kunstverein zu sehen.

Ausstellungsansicht: Simon Hoberg & Sebastian Merk/performance strategies, Digitale Rekonstruktion der Fresken „Der Tag und Die Nacht“, 2026 (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Schwenken wir nun das Auge hin zu unserem Museum Wiesbaden. Auch hier ist viel Spannendes an Interaktion zu beobachten. Nicht zuletzt der Dresdner Maler Georg Lührig hat es jungen wie älteren Besuchern angetan. Die Medienstationen sind der Hit, so beobachtete es Direktor Andreas Henning in diesen Tagen. Nicht zuletzt, weil die 1945 beim Bombardement auf Dresden zerstörten gigantischen Wandfresken „Der Tag – Sieg des Lichts“ und „Die Nacht“ auf Grundlage historischer Vorlagen rekonstruiert werden konnten und als großformatige Projektion zu erleben sind.

Ein Hingucker in der Gift-Schau: die schwarz-weiße Kobra – Naja melanoleuca (Foto Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Ein Renner ist in den heißen Tagen und ganz besonders auch am eintrittsfreien Samstag das Gift geblieben. Die Schau „GIFT – Tödliche Gaben“ erzählt – so drückt es das Museum aus – Geschichten von Macht, Schutz und Erkenntnis, sie verbindet Natur, Kultur und Wissenschaft auf vielfältige Weise. Auch hierhin zieht es Alt wie Jung.

Sie bringt seit 2014 viele junge Menschen ins Museum und ist mit ihnen kreativ unterwegs. Am 15. August gehört Patricia Sant’Ana Scheld zu den Gesprächsparterinnen beim Projekt „Mit lebenden Büchern im Dialog“. (Foto: privat)

Apropos junge Besucher: Bei ihnen ist Aktivität zwischen Kunst und Natur ganz besonders gefragt. Ein Mensch, der nun schon seit 2014 tolle Angebote macht, ist Patricia Sant’Ana Scheld. Zunächst ehrenamtlich, dann auf Vorschlag des Museums als „feste Freie“ lädt die gebürtige Brasilianerin immer donnerstags in den „Jugend+Kunst+Club“ des Museums ein. Es sind fast ausschließlich Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die sich im Kreis der Gleichgesinnten in den Ausstellungen für ihre kreative Arbeit inspirieren lassen. „Sie fühlen sich wohl …“, sagt Patricia Sant’Ana Scheld, die gern auf die jeweilige Stimmung der Kids eingeht. Und mit ihrer Klientel freut sie sich natürlich sehr auf die „Blauen Reiterinnen“, auf ganz besondere Frauen, die künstlerisch Großes geleistet haben und doch eher im Schatten blieben. Sie wissen ja: Im Oktober steht eine Weltpremiere an! Und Iris Berben hat die Schirmherrschaft übernommen.

Der Kunstklub gäbe sicher eine eigene Geschichte her. Heute aber möchte ich mit Ihnen ganz gezielt noch auf die Person Patricia Sant’Ana Scheld schauen, denn sie wird am 15. August in der schon bewährten Veranstaltung „Mit lebenden Büchern im Dialog“ (hier finden Sie dazu die Website) eine der siebzehn Gesprächspartnerinnen sein. Diesmal haben Christiana Moschini-Dubois und ihre Kolleginnen das Thema „Mut“ gewählt und die aus Brasilien über Portugal mit ihrem deutschen Mann nach Wiesbaden gekommene Illustratorin und Kultur-Produzentin eingeladen. Mutig musste sie immer sein, sagt Patricia Sant’Ana Scheld. Sie mag stets gewusst haben, dass ihre Leidenschaft der Kunst gehörte. Doch zunächst war sie in ihrem Heimatland nach einem Wirtschaftsstudium in der Produktionsleitung bei VW tätig. Den Weg in den Kunstbereich ging sie dann konsequent, schon während ihrer Zeit in Portugal, auch wenn sie nicht auf allzu viele Mutmacher traf …

Pädagogik hat sie nicht studiert, aber mit jungen Menschen im Museum zu arbeiten, das war in Wiesbaden von Anfang an ihr Ziel. Sie hat ihr Ziel mutig erreicht, kann man heute sagen. Und auch in ihrem Atelier in Biebrich bietet sie Workshops an. Ein weiteres Projekt, das Patricia Sant’Ana Scheld ganz aktuell beschäftigt: Sie kuratiert dieses Jahr „Poesie im Park“, eine Veranstaltung vom 7. bis 9. August  im Biebricher Schlosspark. „Eine Art Festival ohne Barrieren oder Grenzen – weder im Park noch in den Köpfen“, heißt es auf der Website. Übrigens: Ihre Tochter Alicia haben wir auf dieser Website schon vorgestellt, denn sie gehörte dem ersten Leitungsteam der Jungen Freunde des Museums an. Derzeit bewegt sie sich in Brasilien auf den Spuren ihrer Mutter …

Ein ganz besonderes Erlebnis im Museum Reinhard Ernst: Die Grazer Kapellknaben singend unterwegs in der Hollegha-Ausstellung. Der österreichische Künstler war ein großer Bach-Fan und hörte die Musik bei der Arbeit in seinem Atelier. (Foto: Thilo von Debschitz)

Zurück nach Wiesbaden, kurzer Ausflug ins Museum Reinhard Ernst: Wer dort die Hollegha-Schau noch nicht gesehen hat, sollte es unbedingt nachholen: Sie läuft noch bis 25. Oktober. Und es ist äußerst spannend, wie der österreichische Künstler Gegenständliches als Ausgangspunkt nimmt und in die Abstraktion umsetzt. Dies in riesigen Dimensionen …

Die Ausstellung hat den schönen Titel „Denk nicht, schau“. Aber: gerne denke ich an einen Juni-Vormittag zurück, als die Grazer Kapellknaben im mre einen musikalischen Ausflug zu Wolfgang Hollegha unternahmen. Wieso das? Es heißt, der Künstler habe bei seiner Arbeit im Atelier bevorzugt Johann Sebastian Bach erklingen lassen.

Und weil wir nun bei der Musik angekommen sind, noch eine kleine persönliche Anmerkung: Neben den Museen sind ja auch die Kirchen angenehme Anlaufstellen an heißen Tagen. Wunderbar, was ich kürzlich erlebte: Zwei kleine Fluchten in zwei aufeinanderfolgenden Wochen. Einmal in die fast menschenleere Marktkirche – wunderbares Orgelspiel ertönt. Dann Besuch in St. Bonifatius – im Moment des Hineingehens erklingt die Orgel! Hier braucht es dann kein Denken mehr, kein Schauen – nur Hören und ein Ankommen ganz bei sich.

Ingeborg Salm-Boost

 

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