Wenn alte Meister neu gehängt werden
Blick in die Ausstellung
Ein Dienstagabend im Haus der Kunst und Natur, der erste Jour Fixe im neuen Jahr für die Freunde des Museums Wiesbaden: Die Veranstaltung ist schon lange vorher ausgebucht, und das, obwohl es nur um „altes Zeug“ geht. Das ist die erste Überraschung: In unserer schnelllebigen Zeit von Multimedia locken Könige, Göttinnen, Putten, tote Fische und schneebedeckte Gipfel wirklich noch Leute ins Museum. Aber, und das ist die zweite Überraschung, es geht nicht nur um Skulpturen und Gemälde des Mittelalters und des Barock, sondern da gibt es plötzlich zahlreiche Irritationen. Dr. Peter Forster hat die Alten Meister neu gehängt und sie anscheinend willkürlich mit modernen Kunstwerken konfrontiert.

Schon im „Kirchensaal“ geht es los – im oktogonalen Raum waren ursprünglich unter einem Sternenhimmel mittelalterliche Skulpturen versammelt. Aber was macht denn jetzt der kleine „König auf Stuhl“ von Stephan Balkenhol – die Skulptur ist gerade einmal vier Jahre alt – neben dem Walsdorfer Kruzifix des 12.Jahrhunderts? Zum Glück lässt uns der Kurator nicht allein. Er erklärt in seiner bekannt enthusiastischen Art, dass Skulpturen im religiösen Kontext heute nicht mehr für alle Besucher aussagekräftig sind. Früher war das einfach, schon beim Anblick eines gekreuzigten Christus hatten Besucher Weihrauch, Kirchenlieder und Kerzenfunkeln im Kopf. Doch diese Atmosphäre ist im Museum heute kaum noch erreichbar – viele Besucher gehen gar nicht in die Kirche, kennen das Geheimnis des sakralen Raumes nicht. Durch die Konfrontation (für mich ist es eher ein Miteinander der beiden Könige) werden diese beiden Skulpturen neu erlebbar. Beide sind Menschen, die aber durch bestimmte Umstände zu Königen wurden. Ist der eine der König des Himmels, so bleibt der andere, nicht zuletzt durch seine Kleidung, ein König des Alltags. Eine Gegenüberstellung, die viel Raum zu Gedanken und Assoziationen lässt …

Und dann ist da ja auch noch die Installation von Micha Ullmann mitten im Boden – ein Gewaber aus grauen Schlieren. Der israelische Künstler zeigt hier unter dem Titel „Morgenabend“ Anfang und Ende der menschlichen Existenz. Was bleibt ist Asche … Und Dr. Peter Forster ergänzt, dass auch Holzskulpturen als Asche ihr Ende finden. Sofort muss ich an den Song aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“ denken. Ein Ohrwurm, der auch hierher gut passen würde:
Zu Asche, zu Staub
dem Licht geraubt
doch noch nicht jetzt
Wunder warten bis zuletzt
Der Kirchensaal hat durch die neuen Bezüge der Kunstwerke eindeutig gewonnen. Schon dadurch, dass jetzt Malerei, Skulptur und Installation verbunden sind, werden alte Grenzen aufgebrochen. Es bleibt viel Raum für neue Betrachtung und individuelle Fragestellungen. Das schlichte weiße Outfit gibt dem Ganzen den passenden Rahmen.

Im nächsten Raum treffen sich z. B. abstrakte Skulptur und mittelalterliche Madonnen, Pietà und Venus. Hier geht es um Göttinnen und mythologische Heldinnen, Keuschheit und Freizügigkeit – der Lauf der Zeit eben … Extra erworben wurde dazu ein zweiter Pietro Liberi. Der venezianische Barock-Künstler wird dem „Wolkentier“ von Hans Arp gegenübergestellt.

Peter Forster ist ganz in seinem Element er habe hier aus der Not eine Tugend gemacht. Das größte Problem sei nach wie vor der mangelnde Platz für die Sammlung. „Hier muss ausgebaut werden, Sie setzen sich doch alle für den Neubau ein!“

Auch Porträt und Landschaft verschiedener Epochen sind in zwei weiteren Räumen neu gehängt, gestellt und miteinander konfrontiert worden. Da gibt es schon auch Getuschel – „Wie kann denn ein Schönebeck neben einen Feuerbach hängen?“ Doch ist ein Porträt nicht auch ein Spiegel seiner Zeit, der gesellschaftlichen Stellung, der Konvention? Einer Dame hängen die Wellensittiche „Les Inséperables“ viel zu hoch …

Aber liegt nicht genau hier der Reiz der Alten Meister mit der Neuen Hängung? Schon, dass sich die Besucher fragen, warum, sich entrüsten oder nach Zusammenhängen, Gegensätzen suchen – genau das lässt die Sammlung lebendig werden. Jeder kann hier den Kopf schütteln oder applaudieren, neue Lieblingsbilder finden. Für mich ist eine der schönsten Kombinationen die Wand mit Gustave Corbet und Sven Drühl – der Wandel der Landschaft.

Dr. Peter Forster hat die Alten Meister aus der typisch chronologischen Abfolge herausgelöst – ein mutiger Schritt, steht er doch damit ganz allein da, die Museen in Kassel, Darmstadt und Frankfurt folgen dem traditionellen Prinzip. Er hat die Räume attraktiver und luftiger gestaltet. Aber er weiß auch, was die Besucher einfordern – zum Beispiel, dass „Der Schmetterlingsfänger“ von Carl Spitzweg immer zu sehen ist.

Ich freue mich schon darauf, dass demnächst ein neues Objekt bei den Alten Meistern einzieht: Gerade hat das Museum einen ganz frühen Kopf von Stephan Balkenhol geschenkt bekommen. Dafür sucht der Kurator verzweifelt einen Platz ….
Martina Caroline Conrad