Wie geht Werkverzeichnis?

„Groß, wirklich groß denken …“

Die Bildhauerin Angela Glajcar ist mit ihren monumentalen und atmosphärischen Rauminstallationen aus Papier international renommiert. Ihr Atelier wird von Sasa Hanten geleitet. Auch sie eine Marke im Kunstmarkt – als Schriftstellerin sowie als gefragte Kunstsachverständige und Rechtsanwältin. Beide erlebten entscheidende Wendepunkte ihrer Karrieren in Wiesbaden. Angela Glajcar über einen Auftrag der Nassauischen Sparkasse, der zum Wegbereiter von „Terforationen“ wurde – ihrer bekanntesten Serie. Sasa Hanten arbeitete am Museum Wiesbaden u. a. in enger Zusammenarbeit mit der früheren Chefkuratorin des Hauses, Dr. Renate Petzinger, und erlernte in dieser Zeit die Erstellung eines Werkverzeichnisses am Beispiel der Künstlerin Eva Hesse. Nun waren Angela Glajcar und Sasa Hanten gemeinsam im Museum Wiesbaden zu Gast und stellten das aktuelle Werkverzeichnis der Künstlerin vor (Catalogue Raisonné, Spector Books, Leipzig, 2024).

Valerie Ucke, Angela Glajcar, Sasa Hanten (v. li.), Museum Wiesbaden, Juni 2025 (Glajcar, Foto: Alexander Sell)

Die Veranstaltung begann mit einer wunderbaren Begrüßung und Einführung durch Valerie Ucke, Kuratorin für Kunst der Moderne und Gegenwart. Danach gaben uns die beiden Gastrednerinnen sehr viel Interessantes und Unterhaltsames mit auf den Weg, und gleich zu Beginn Antworten auf die zentralen Fragen des Abends:

Warum Werkverzeichnis? Und weshalb schon jetzt?

Sasa Hanten verantwortet die Veröffentlichung des Werkverzeichnisses von Angela Glajcar und hat darauf eine klare Antwort: „Die Erstellung eines Werkverzeichnisses heißt Verantwortung übernehmen für das künstlerische Schaffen, aber auch für die Sammler, die über die Zeit investiert haben. Für Einzelwerke dient die Aufnahme ins Werkverzeichnis als Authentizitätsnachweis. Ein künstlerisches Gesamtwerk hat die größten Chancen wahrnehmbar zu bleiben, wenn es gut dokumentiert ist.“ Die Künstlerin Angela Glajcar versteht ihr Werkverzeichnis als „Tagebuch des dreidimensionalen Raums“, das die Entwicklung ihres bisherigen Gesamtwerkes beschreibt und dabei auf besonders intensive Weise seine Geschichte erzählt. „Im Laufe der Entstehung der eigenen Kunst findet eine Sprachentwicklung statt. Ein Werkverzeichnis sollte von Tag eins an dazu gehören, da es von der Entwicklung detailliert erzählt und so die besondere Sprache, die hier entsteht, vermittelt,“ so beschreibt es die Künstlerin.

Besonderer Clou des Abends war, Einblick in die Entstehung des Buches zu haben. Im renommierten Verlag Spector Buchs erschienen und gewichtig-lakonisch in der Erscheinung, war das Publikum verblüfft und amüsiert zu hören, welche Anekdoten sich um so ein großes Projekt ranken, z. B. die spannende Geschichte um eine Fehllieferung des Druckpapiers für das Werkverzeichnis. Glajcar lachend: „Acht Tonnen falsches Papier machen selbst mir, wo ich den Umgang mit so viel Papier gewohnt bin, Herzklopfen.“

Was war die Initialzündung zu den Papierinstallationen von Angela Glajcar?

Das künstlerische Initial für Ihre atmosphärische 3D-Kunst erlebte Angela Glajcar bereits als Kind im damaligen Völkerkunde-Museum Berlin Dahlem. Die dort ausgestellten raumfüllenden Szenen erzählten Völkerkunde auf eine besonders sinnliche Art. Glajcar: „Ich konnte die Geschichten geradezu erfühlen und intensiv erleben. Die Dreidimensionalität, der Raumbezug, die Lichteffekte und die daraus erlebten Erzählungen beeindruckten mich nachhaltig. Sie prägten mich.“ Als Künstlerin stellte sie sich die Fragen: Was gibt es noch nicht in der skulpturalen Kunst? Wo kann eine Bildhauerin neue Maßstäbe setzen? Angela Glajcar arbeitete zunächst mit schweren Materialien wie Metall und Holz, bevor sie ab Ende der 1990er Jahre die Arbeit mit Papier für sich entdeckte, verschiedene Techniken entwickelte und mit der Kreation und Schaffung raumfüllender In-Situ-Installationen begann.

Der initiale Ort für die Terforationen (aus dem Lateinischen: Terra – die Erde; Foramen – das Loch, die Öffnung), die sie schließlich berühmt machten, fand sich tatsächlich hier in Wiesbaden. Hier erhielt sie im Jahr das Angebot die Halle des zentralen Kundenzentrums der Nassauischen Sparkasse zu gestalten – ein beeindruckender lichtdurchfluteter Raum in einer Dimension, die unweigerlich dazu einlud, GROSS (wirklich groß, monumental!) zu denken.  So entstand die Idee, ein quasi überdimensionales Buch im Raum aufzufächern, und durch Reißen des Papiers in den aufeinanderfolgenden gefächerten Seiten einen atmosphärischen Ort zu schaffen. Durch diese Skulptur ließ sie das Raumerlebnis quasi gleiten, es entstand ein neuer, ganz anders erlebbarer Raum.

Es folgte u. a. Terforation 2017-002, seit dem Jahr 2017 eines der zentralen Werke im Museum Wiesbaden. Das Haus ist sehr stolz darauf dieses Werk zu besitzen und die Bedeutung unserer Stadt in der kreativen Entstehung des Werkes von Angela Glajcar zu repräsentieren. Mit Terforationen entstand die größte Papierserie der Künstlerin.

Sasa Hanten (li.), Angela Glajcar, Terforation 2017-002, Museum Wiesbaden, Juni 2025 (Glajcar, Foto: Alexander Sell)

Ihre Werke sind inzwischen weltweit in Museen und Galerien zu sehen, laut Sasa Hanten quasi „überall und in den verschiedensten Kulturen verständlich“. Allein 28 Galerien vertreten die Künstlerin international. So war ihre Kunst auch während der Pandemie „immer irgendwo erlebbar“, denn „irgendwo war immer auf“ … und damit leitet Sasa Hanten über zur besonderen Herausforderung der Logistik und Installation der einzigartigen Kunst von Angela Glajcar.

Wie werden diese oft riesigen 3D-Werke transportiert und installiert?

Wer befürchtete, einen trockenen Kunstvortrag zu hören, wurde eines Besseren belehrt. Die beiden berichteten gut gelaunt und sehr unterhaltsam vom Atelierbetrieb. Das Publikum wusste die Heimspielatmosphäre für Glajcar und Hanten zu schätzen. Hanten: „Wir haben an einem Logistik-Kongress teilgenommen und über uns berichtet, aber dort auch wahnsinnig viel reflektiert, wie am Beispiel von den ,Edekanern‘, die auch auf der Strecke lagern, also auf der Straße. Bei uns heißt die Straße ,Museum‘. ,Lagerwirtschaft‘ ist das Zauberwort.“ Und: „Wir haben gelernt, dass auf dem Lieferschein Halterungen immer besonders teuer ausgewiesen werden müssen, sonst kommen sie weg.“ Ebenso die betreffenden Acrylkästen. „Sind sie hochpreisig, kommen sie unbeschädigt wieder zurück. Ein Wunder, genau wie der Transport der raumgreifenden Arbeiten.“ Das Geheimnis: „Die Luft aus der Skulptur lassen, dann reicht zum Transport oft ein Caddy.“

Sasa Hanten, Museum Wiesbaden, Juni 2025 (Glajcar, Foto: Alexander Sell)

Das betreffende Papier ist mit bis zu 800g/m² sehr robust. Sensibel wird es nach Bemalung oder Bedruckung. Unbeschriebenes, nicht-bemaltes Papier ist sehr beständig – viel robuster und langlebiger, als häufig angenommen. „Hier gibt es nur zwei wesentliche Faktoren, die das Papier bzw. die Installation zerstören könnten: UV-Licht und die typische Staubsaugerbewegung der Reinigungskraft.“ Für Angela Glajcar ist der Aufbau einer Papierinstallation gemeinsam mit dem Team vor Ort ein Erlebnis und Ereignis, das einer Sprachentwicklung gleichkommt. „Die Werke wachsen immer vor Ort, sie werden dort geschaffen. Der Prozess der Installation ist Teil der Geschichte eines Werkes.“

Wie arbeitet Ihr zusammen? Was macht Euch als Team aus?

„Wir sind eine Begeisterungsgesellschaft“ beschreibt Sasa Hanten, „mit sehr guter Fehlerkultur“. Seit ihrer ersten Begegnung auf der Art Cologne vor über 15 Jahren haben sie eine Zusammenarbeit entwickelt, die ein Urvertrauen voraussetzt sowie große Wertschätzung für das, was die Andere tut und was neu entsteht. Mit ihren Arbeiten aus Papier in jedem Format hat Angela Glajcar ein originäres Gesamtwerk erschaffen. „Die Grundidee ist einzigartig, ihre Einzelarbeiten sind immer wieder klug und schlüssig aus dem Vorangegangenen entwickelt.“ resümiert Sasa Hanten.

Angela Glajcar, Museum Wiesbaden, Juni 2025 (Glajcar, Foto: Alexander Sell)

Und es hört nicht auf. Angela Glajcar entwickelt ihre Kunst ständig weiter. In der Vergangenheit wurden Arbeiten, die zum Beispiel durch die Installation im Außenraum nicht aus Papier bestehen durften, aus Acryl gefertigt. Hanten: „Größenwahn nennt man Pläne, die nicht funktionieren. Wenn es klappt, sagt es Erfolg an.“ kommentiert Sasa Hanten den Erfolg, dass künftig aus Glas gefertigt wird – und zwar bei der berühmten Manufaktur Lobmeyr in Wien. Glajcar schwärmt von der kollegialen Atmosphäre dort. „Es tut gut zu spüren, dass man dort meinen Entwürfen vertraut. Die wollen wirklich.“

Wer (nochmals) eintauchen möchte in das Werk, Projekte und Ausstellungen von Angela Glajcar, dem sei die Website www.glajcar.de empfohlen, über die der direkte Kontakt und Aufnahme in den Newsletter – z. B. zu kommenden Ausstellungen – ebenfalls zu empfehlen ist.

Dr. Birgit Janning

 

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