Wie Jawlensky sich sieht

Me, myself and I?

Ich, ich, ich? Alexej von Jawlensky hat nicht wie Max Beckmann, Lovis Corinth, Käte Kollwitz oder Rembrandt sein Leben lang fortwährend Selbstbildnisse geschaffen. Er hat keine Lebensbiografie „gemalt“ wie die eben erwähnten Künstlerinnen und Künstler – eher im Gegenteil. Wenn es zehn in Öl ausgeführte Selbstbildnisse gibt, dann sind es schon viele. Das bedeutendste von ihnen befindet sich in unserer Sammlung – dabei handelt es sich um das letzte vor dem Ersten Weltkrieg, später sollten – soweit heute bekannt – nur noch zwei folgen. Alle diese in Öl ausgeführten Selbstbildnisse Jawlenskys eint, dass sich der Künstler auf ihnen sehr ernst, gravitätisch, voller Selbstüberzeugung präsentiert und das bedeutet: auch genauso wahrgenommen werden wollte.

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1912, Museum Wiesbaden (Foto: Bernd Fickert)

Aber warum malte Jawlensky so wenig Selbstbildnisse? Dafür könnte es einen Grund geben, der mit unserem Selbstbildnis von 1912 zusammenhängt. Wenn man dem Bild gegenübersteht, ist ja der erste Impuls, dass wir denken, wir hätten den „großen“ russischen Maler gestört und er uns deshalb so streng in die Schranken weisend anschaut – zudem scheint ihm im nächsten Moment der Kragen zu platzen – und am Ende wären wir dann schuld, wenn dies geschieht …

Aber wenn man es sich genau überlegt, beobachtet Jawlensky nicht uns, vielmehr sehr kritisch, mit in Falten gelegter Stirn, sich selbst und sein Tun – zwischen Spiegel und entstehendem Werk (das wir vor uns haben) wechselt sein Blick hin und her, um festzustellen, ob das, was am Ende auf dem Karton entstanden ist, auch wirklich er ist, ob er sich darin wiedererkennt, ob er sich damit identifizieren kann. Und er konnte es anscheinend – er hat es oben rechts signiert und datiert. Und zwar so sehr, dass er das Selbstbildnis-Malen fast zur Gänze einstellte. Denn wenn man das Bild wörtlich nimmt, wurde dem Maler sein Kopf zur runden Palette – er hat seine Farben von seiner Palette auf sein Gesicht übertragen und versucht beide übereinanderzulegen, in Deckung zu bringen. Am Schluss hatte er mit strengem Blick (der, wie gesagt, nicht uns gilt, sondern ihm selbst!) erkannt, dass er und seine Farben tatsächlich eins geworden sind. Denkt man dies weiter, hat sich das Thema Selbstporträt erledigt, weil ja schon seine Farben (die spätestens seit diesem Bild auch er sind) und damit alles, was er mit ihnen schuf, für den Maler stehen. Es wird ja häufig bei vielen Künstlern schnell gesagt, dass das Werk auch der Künstler ist, aber hier im Fall Jawlenskys ist es tatsächlich so, weil er uns mit diesem Selbstbildnis den Beweis geliefert hat. Um mit Paul Klee zu sprechen, der im April 1914 in sein Tagebuch geschrieben hat: „Die Farbe hat mich … Sie hat mich für immer, ich weiß das … ich und die Farben sind eins. Ich bin Maler.“

Das Bemerkenswerte daran ist, dass das (nämlich sich als erkennbare Person aus dem Werk herauszunehmen) bei Jawlensky völlig subtil vonstatten ging – sehr sympathisch, sich vornehmlich nur über seine Taten, sein Tun und seine Ergebnisse zu definieren. Oberflächliche Eitelkeit – ich, ich, ich! oder wie es De La Soul einmal so treffend getextet hat: Me, Myself and I – kann man dem Künstler damit nicht unterstellen. Aber wie sieht es mit dem bierernsten Künstler-Bild aus, das uns Jawlensky, wenn man nur die Ölporträts kennt, liefert? Geht Jawlensky etwa zum Lachen in den Keller? Das wäre ja schlimm.

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis als Korken, nach 1921, Nachlass Heinrich Kirchhoff, Wiesbaden (Foto: Bernd Fickert)

Nein, das tut er nicht, und das wissen wir unter anderem durch mehrere kleine, sehr witzige Selbstbildnisse, die den hohen Ernst des allzu wichtigen Tuns und den gottgleichen Urheber von unsterblichen Bildern auf ein erträgliches Maß herunter vom Sockel in wunderbar menschliche Gefilde holen. Da hat sich beispielsweise ein Sektkorken in der Sammlung Heinrich Kirchoffs überliefert, den Jawlensky (nachdem die Flasche ausgetrunken und vermutlich im lustigen Beisammensein bei verbriefter lauter Grammophonmusik schon die zweite geöffnet war) flux zu einem Selbstbildnis mit typisch dickem Hals und schicker Fliege verwandelte.

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis mit angewinkeltem Bein/Selbstbildnis mit Blume, um 1921, Museum Wiesbaden (Foto: Bernd Fickert)

Oder eben die humorvollen, beiläufigen, aber sehr treffenden kleinen Selbstbildnis-Skizzen, in denen Karikatur und Wahrheit verschmolzen zu sein scheinen. Darin zeigt sich der große Künstler als lächerliche, gleichzeitig aber sehr charmante Figur. In einem der Bilder kratzt sich Jawlensky einfältig am Kopf, beim anderen präsentiert er verlegen eine Blume. Beides ist so liebevoll-vertraulich-ewigwitzig hingeworfen, dass man unweigerlich schmunzeln muss. Man kann sich schlicht nicht schützen vor dem unbedarften Kerl mit der lustigen Schweinenase, dem schmalen unsicheren Mund, dem stachligen Vatermörder, dem heruntergerutschten Bauch und den nur halb hochgezogenen Gamaschen.

Ein Blickfang, der die Rundmails an die Vereinsmitglieder schmückt: Jawlenskys „Selbstbildnis mit Blume“ im neuen Look (Gestaltung: Cornelia Alexander)

Kein Wunder, dass sich das Team Vereinskommunikation unseres wunderbaren „Vereins der Freunde des Museums Wiesbaden“ diese herzallerliebste Zeichnung für das neue Layout seines Newsletter ausgewählt hat. Mit einem solch reizenden Blumengruß überzeugt man schließlich jeden, mit Schwung und Freude Mitglied im Verein zu werden.

Roman Zieglgänsberger

 

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