Wie Kunst ins Museum kommt

Respekt und Vertrauen

Es war einmal ein Kurator, der am Ende eines Jahres ein Kunstwerk in einem Auktionskatalog sah, das er unbedingt für die Sammlung des Museums haben wollte. Doch was tun? Einen Ankaufsetat gab es nicht, die Kassen waren leer und so weinte er nachts bitterlich.

Dr. Roman Zieglgänsberger in der von ihm kuratierten Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“ (Foto: Martina Caroline Conrad)

Damit beginnen Märchen, aber diese Geschichte ist wahr: Zugetragen hat sie sich im Museum Wiesbaden und es gab, wie so oft im Märchen, ein Happy End. Roman Zieglgänsberger erzählte einem Sammler der Stadt und Freund des Museums von seinem Dilemma. Und es ist keine Mär, dieser stand zu Beginn des neuen Jahres vor ihm, unter dem Arm ein Paket mit dem ersehnten Bild. Er hatte es gekauft und überließ es dem Museum als Leihgabe.

Pierre-Paul Girieud, „Iris auf gelben Grund“, 1905. Museum Wiesbaden. Schenkung aus einer Wiesbadener Privatsammlung (Foto: Bernd Fickert)

Warum nun wollte Dr. Roman Zieglgänsberger dieses Bild „ Iris auf gelbem Grund“ unbedingt haben? Zugegeben, es ist wunderbar gemalt und harmonisch ausgewogen. Aber der Maler Pierre-Paul Girieud ist allenfalls Insidern bekannt, ein Franzose. Und das Bild ist von 1905. Genau darum geht es: 1905 fand in Paris die skandalöse Fauves-Ausstellung statt. Ein Kritiker beschimpfte die Maler als „wilde Bestien“. Paris ist in diesen Jahren das Zentrum der europäischen Avantgarde, mit Henri Matisse oder André Derain. Zum einen war Pierre-Paul Girieud ein Freund von Alexej von Jawlensky. Zum anderen lebten damals in Paris auch viele Künstlerinnen wie etwa Elisabeth Epstein, eine russische Malerin, die 1904 in München in der Schule von Anton Ažbe unterrichte wurde, dort lernte sie Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Marianne von Werefkin und Gabriele Münter kennen. Damit schließt sich der Kreis zum großen expressionistischen Schwerpunkt des Museums Wiesbaden. Jawlensky hat Epstein nachweislich in Paris besucht und mit Sicherheit den Fauves-Skandal brühwarm mitbekommen. Außerdem lebte Elisabeth Epstein in einer Wohngemeinschaft mit Sonja Tek, der späteren Frau von Robert Delaunay. Wichtige Kontakte zwischen Frankreich und Deutschland!

Elisabeth Epstein, „Stillleben auf rundem Tisch“, 1945. Privatsammlung (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

All diese Künstlerinnen und Künstler prägen die Sammlung des Museums Wiesbaden. Aber leider gibt es viele Lücken und noch mehr Wünsche, um das Beziehungsgeflecht der europäischen Avantgarde in dieser Epoche noch deutlicher zu machen.

Alexej von Jawlensky, „Stillleben“, 1909 (Foto: Bernd Fickert)

Bleibt noch die Frage: Warum hat der uns unbekannte Sammler das Bild „Iris auf gelbem Grund“ von Pierre-Paul Girieud gekauft? Das ist eine Geschichte von Respekt und Vertrauen, die folgendermaßen erzählt wird. 2018 lernte Roman Zieglgänsberger einen Wiesbadener kennen, der nach eigener Auskunft eine bescheidene Sammlung mit Schwerpunkt Expressionismus besaß. Dieser Kunstfreund, der anonym bleiben möchte, fragte vorsichtig, ob da etwas museumswürdig sei. Der Kustos der Klassischen Moderne, Roman Zieglgänsberger, war begeistert. In der Folge traf man sich mehrfach, beugte sich gemeinsam über Ausstellungskataloge, um in enger Absprache gemeinsam zu entscheiden, was es sich denn zu kaufen lohne, um Lücken in der Sammlung des Museums Wiesbaden zu schließen. Heute besitzt der Kunstfreund rund 100 Gemälde und Skulpturen.

Milly Steger, „Tänzerin“, 1921 (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Vor allem im Bereich Skulptur und Werke von Künstlerinnen war das Museum bisher nicht so gut aufgestellt. Testamentarisch ist jetzt aber die Kollektion des Kunstfreundes dem Museum versprochen, in dem einzigartige Werke von August Gaul und Milly Steger zu finden sind. Außerdem eine „Sitzende“ von Louise Stomps. Die Berliner Künstlerin wurde von Hanna Bekker vom Rath unterstützt. Und auch hier treffen lose Enden der Kunstgeschichte zusammen. Ein Teil der Sammlung Hanna Bekker vom Rath ist heute Bestandteil des Museums Wiesbaden, sie fußt auf der berühmten Sammlung Kirchhoff, die leider in der NS-Zeit aus dem Museum Wiesbaden entfernt und nach dem Tod des Sammlers in alle Welt verstreut wurde. Aber das war und ist der Hauptbezugspunkt für den Schwerpunkt Expressionismus. Deswegen, um auf die Ausstellung zurückzukommen, wird die versprochene Schenkung des noch lebenden Wiesbadener Kunstfreundes jetzt verknüpft mit anderen privaten Sammlungen und einzelnen Vermächtnissen, die den Weg ins Museum gefunden haben. Im ersten Raum, dem Oktogon, hat Roman Zieglgänsberger jeweils eine Wand einer Sammlung und ihrer Geschichte gewidmet.

Im Oktogon beginnt der Kunstausflug in die Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“ (Foto: Martina Caroline Conrad)

Im Verlauf der Ausstellung, die die Zeit vom ausgehenden Jugendstil bis zur Neuen Sachlichkeit umfasst, werden alle 105 Werke in Beziehung gesetzt. Da haben wir eine traumhafte Wannseelandschaft von Max Liebermann, unser anonymer Kunstfreund hat dazu ein Bild von Franz Heckendorf erworben, der die Situation fast zeitgleich ganz anders gemalt hat.

Franz Heckendorf, „Belebte Terrasse am See“; Max Liebermann, „Landschaft (Wannsee)“, um 1924, Öl auf Leinwand, 50 × 60 cm, Museum Wiesbaden, Schenkung Friedrich und Rose Klein 1980 (Fotos: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Es gibt einzigartige Bilder aus der Murnauer Zeit aus allen Kollektionen (Hanna Bekker vom Rath, Frank Brabant, Marianne und Wirnt Rick sowie des Sammlers, der nicht genannt werden will). Murnau ist ein Nucleus dieser Ausstellung, trafen sich doch hier Künstlerinnen und Künstler der Neuen Kunstvereinigung München und des Blauen Reiters wie Jawlensky, von Werefkin, Kandinsky und Münter. Gerade Gabriele Münter als zentraler Dreh- und Angelpunkt ist jetzt erstmals mit einigen Werken eine wichtige Ergänzung des Expressionismus-Schwerpunktes des Museums.

Gabriele Münter, „Garten in Murnau“ um 1910. © VG Bildkunst Bonn 2025
Marianne von Werefkin, Am Blumenbeet, um 1910/1914, Mischtechnik auf Papier auf Karton, 75,5 × 57,3 cm, Privatsammlung Wiesbaden (Foto: Ketterer Kunst GmbH & Co. KG)
Adolf Erbslöh, Leda mit dem Schwan, 1916, Museum Wiesbaden, Schenkung aus einer Wiesbadener Privatsammlung 2024 (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)
Alexej von Jawlensky, „Sommertag“, 1907, Öl auf Karton, 45 × 53,7 cm, Museum Wiesbaden, erworben 1962 (Foto: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden)

Ohne Respekt und Vertrauen hätten viele Werke – egal ob Einzelschenkungen oder Sammlungen – nicht ihren Weg nach Wiesbaden gefunden. Und da spielt Roman Zieglgänsberger eine ganz wichtige Rolle. Etwa, wenn es um die Sammlung Rick geht. Marianne und Wirnt Rick haben in Düsseldorf und München gelebt. 1994 wird dem Museum Wiesbaden zunächst anonym über die Düsseldorfer Galerie Neher das Schmidt-Rottluff-Gemälde „Verandamorgen“, das auf der Balkonterrasse Hanna Bekkers in Hofheim gemalt worden ist, als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Karl Schmidt-Rottluff, „Verandamorgen“, 1951 (Foto: Bernd Fickert)

Dauerleihgaben erhitzen in deutschen Museen die Gemüter – soll man sie öffentlich zeigen, schließlich sind sie ja nicht Bestandteil des Museums? Roman Zieglgänsberger hat es trotzdem getan. An prominenter Stelle hing das Bild viele Jahre in der Schausammlung, ist es doch ein wichtiges Werk, das einen engen Bezug zu Hanna Bekker vom Rath aufweist: Karl Schmidt-Rottluff war oft in ihrem Haus im Taunus zu Gast. Und gerade diese Anerkennung und Würdigung des Ehepaars Rick brachte dem Museum später eine Sammlung hochkarätiger Kunstwerke. Nach dem Tod von Wirnt Rick im Jahr 2002 lässt die Witwe alsdann wissen, dass sie als Alleinerbin ein Testament verfassen wolle und es „der Wunsch ihres verstorbenen Mannes war“, ihre „Bilder und Plastiken der Öffentlichkeit zugänglich“ zu machen. Durch die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Museum Wiesbaden wurde diesem die Sammlung versprochen.

Wassily Kandinsky: Rapallo-Castello und Kirche, 1906. Privatsammlung (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Nicht zu vergessen der Wiesbadener Sammler Frank Brabant, der ein wichtiges Bindeglied ist und der die Hälfte seiner großen Sammlung dem Museum Wiesbaden vermacht. Sein erstes Bild hat er im Frankfurter Kunstkabinett bei Hanna Bekker vom Rath erworben, danach folgten Werke von Jawlensky wie etwa „Helene im spanischen Kostüm“, das er dem Museum Wiesbaden geschenkt hat. Und Frank Brabant kennt unseren anonymen Wiesbadener Sammler gut. Beide sind befreundet. So wie Brabant Max Pechstein sammelt, hat der uns unbekannte Kunstfreund ein Gemälde von Max Pechstein ergänzt.

Max Pechstein, „Rote Häuser mit Windmühle“, um 1923
Sammlung Frank Brabant, Wiesbaden (Foto: Sammlung Frank Brabant, © 2025 Pechstein – Hamburg/Berlin)

„Das ist große Kunst, die jedes Museum schmückt“ sagt Roman Zieglgänsberger.

Max Pechstein, Sonnenuntergang an der See, 1921, Privatsammlung Wiesbaden (Foto: Museum Wiesbaden, Bernd Fickert, © 2025 Pechstein – Hamburg/Berlin)

Alle der 105 Werke der großen Jubiläumsausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“ aus Anlass des 200.Geburtstages des Hauses sind jedes für sich große Kunst. Vor allem aber zeigen Sie uns Bilder und Skulpturen einer Epoche, in der Künstlerfreundschaften an der Tagesordnung waren, in der gemeinsam neue Wege in der Kunst eingeschlagen wurden und es vielfältige Beziehungen gab. Eindruck und Ausdruck, Licht und Farbe prägten die Jahrhundertwende um 1900, bevor die Welt in Krieg und Trümmer versank.

Genießen Sie fantastische Kunstwerke, schöne Geschichten und kaufen sie einen Katalog, der mit Unterstützung der Freunde des Museums entstanden ist!

Martina Caroline Conrad

PS: „Das ist die Zukunft“ sagt Roman Zieglgänsberger zu Recht. Bleibt an sich nur noch, dass die Landesregierung diese Zukunft mit dem avisierten Neubau auch ermöglicht.

 

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