Interview mit Teresa Corceiro

Der Wiesbadener Beuys-Eiche auf der Spur

Sie selbst besuchte das Oberstufengymnasium am Moltkering. Auch Teresa Corceiro war fasziniert, als in einem Kraftakt SchülerInnen der zwei Leistungskurse Kunst im Jahr 1982 eine der 7.000 auf der documenta 7 zum Pflanzen in Kassel bereitstehenden Beuys-Eichen nach Wiesbaden brachten, unterstützt von zwei engagierten Lehrern. Dass sie Jahrzehnte später auf den Spuren dieser Aktion wandern und sie im Film eindrucksvoll festhalten würde, das konnte die damals 17-jährige Teresa nicht ahnen. Wir sprachen mit ihr, die auch die Initialzündung gegeben hat, für eine „Wiederbelebung“ des Baum-Projekts. Dies findet in dem Jahr statt, in dem die Schule, die seit 1987 nach Martin Niemöller benannt ist, 50 Jahre besteht. 


Teresa, wann bist Du denn zum ersten Mal mit dem Thema Beuys-Eiche an Deiner Schule in Kontakt gekommen?

1982, als die documenta 7 stattfand. Es war die große Beuys-Zeit, und in Kassel erregte er mit der Aktion „7000 Eichen“ große Aufmerksamkeit. Ich war an der heutigen Martin- Niemöller-Schule, damals noch Oberstufengymnasium am Moltkering, im Grundkurs Kunst. Wir waren alle in Kassel, aber die Schüler und Schülerinnen der zwei Leistungskurse brachten das Baum-Projekt ins Rollen. Sie hatten sich intensiv mit Natur und Kunst beschäftigt. Und die unglaublich engagierten Kunstlehrer unterstützten ihren Plan, als sie sich näher mit der Ökologie beschäftigten und schließlich einen Beuys-Baum aus Kassel nach Wiesbaden holen wollten. Das Thema war uns allen sehr wichtig.

Begegnung: Teresa Corceiro in der Sammlung des Museums, zwischen Beuys mit Spaten und Beuys mit Rose (Foto: Marie-Christine Möller)

Es fanden Exkursionen der Schule zur documenta 7 statt?

Ja, bei diesen documenta-Besuchen entstand die Idee, einen der Bäume nach Wiesbaden zu holen und auf dem Schulgelände zu pflanzen.

War das eine Aktion, für die Du Dich damals auch gleich begeistert hast?

Auf jeden Fall! Gefühlt engagierte sich die halbe Schule dafür. Es ging um Ökologie, und die Bäume waren ja Teil einer Kunstaktion. Es sollte ein ökologisches politisches Signal gesetzt werden.

Es gab aber nicht nur Begeisterung für das Projekt?

Nein, es waren auch viele Konservative bis hin zu einer rechten Minderheit an der Schule. Sie zeigten offen, dass sie den Künstler Joseph Beuys und das Vorhaben, auf dem Schulgelände eine Beuys-Eiche zu pflanzen, ganz furchtbar fanden. Da gab es eine unfassbare Aggressivität …

Und das hat sich dann nicht nur verbal geäußert …

Nein, wie die beiden ehemaligen Kunstlehrer Klaus Dettke und Frank Müller in meinem Film erzählen, gab es gleich mehrere Versuche, die Eiche zu zerstören. Am Ende war sie auch nicht mehr zu retten und wurde durch einen neuen Baum ersetzt. Für den Ersatz sorgten die Lehrer, die Initiatoren aus der Schülerschaft waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an der Schule. Auch ich hatte sie schon abgeschlossen.

Die beiden Pädagogen erinnern sich noch gut. Schüler und Schülerinnen, die damals engagiert waren, hast Du für den Film nicht mehr finden können?

Die meisten wohnen wohl nicht mehr hier. Das wäre sehr aufwendig und kompliziert geworden. Aber die Gespräche mit den beiden Lehrerin waren so erfrischend und interessant, dass ich beschloss, den Fokus auf sie zu legen.

Gehen wir nochmal zurück auf Anfang: Zunächst wollte das „Baumbüro“ in Kassel keine Beuys-Eiche samt Stele den Wiesbadener Schülern und Schülerinnen verkaufen …

Das stimmt, doch schließlich war man einverstanden, wenn denn gleich zwei Bäume für je 500 Mark gekauft würden, einer davon sollte in Kassel gepflanzt werden. Mit fünf Mark war man dabei, und das Geld für die zwei Eichen kam schnell an unserer Schule zusammen.

Und dann mussten Eiche und Stele im Bus untergebracht und nach Wiesbaden transportiert werden …

Ja, die beiden Lehrer Klaus Dettke und Frank Müller erzählen in meinem Fernsehbeitrag, dass dieser Transport nicht ganz einfach war. Aber es klappte. Auf dem Gelände wurde die Pflanzung dann zu einem Kunsthappening. Es waren bewegte Zeiten, hochpolitisch.

Baumpflanzung wird auf dem Schulgelände zum Kunsthappening: Im Vordergrund die Basaltstele, die zur Beuys-Eiche gehört. (Foto: Rainer Bücher)

Wann reifte dein Entschluss, aus der doch sehr spannenden Geschichte rund um die Wiesbadener Beuys-Eiche einen Film zu machen?

Die Aktion ist für mich wie auch für andere Leute aus meinem Jahrgang immer wieder mal Thema. Und ich habe auch öfter mit einem der damals so engagierten Lehrer, mit Klaus Dettke, darüber gesprochen. Er sagte mir: Ja, die Eiche gibt es noch. Und dann kam die documenta 2022. Als ich dort war, fiel mir ein Plakat ins Auge: „40 Jahre 7000 Eichen“. Und ich dachte, das ist ein runder Geburtstag, eigentlich müsste man die Geschichte von der Beuys-Eiche in Wiesbaden erzählen. Es gibt doch Parallelen zur heutigen Zeit.

Wie gut, dass du Filmemacherin bist …

Ja, aber erst einmal musste in der Redaktionskonferenz die Frage geklärt werden, ob diese Eiche für ein Kulturmagazin mit weltweiten Themen nicht eine zu kleine Geschichte wäre. Ich habe vehement für die Story gekämpft, und dann hieß es: Na gut. Ich bekam die Carte Blanche. Natürlich habe ich mich dann doppelt angestrengt.

Das war bestimmt auch keine einfache Recherche?

Nein, Dokumente und Fotos zusammenzutragen, das war schwierig. An der Schule ist kaum etwas bekannt, mit unserem Abgang ist die Sache wohl in Vergessenheit geraten. Sie war auch damals eher eine interne und erregte in Wiesbaden kein Aufsehen. Und als ich an einem Sonntag mit meinem Mann nach der Eiche suchte, haben wir sie nicht gefunden. Ich wollte schon aufgeben …

Und dann?

Sie war an einer ganz anderen Stelle zu finden, und nicht so mächtig, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Auch die Basaltstele ist da. Beim Drehtermin merkte ich dann, dass die Absolventen der Schule von heute noch nie was gehört hatten von der Beuys-Eiche, und auch viele Lehrer nicht.

Umso schöner, dass es jetzt eine Initiative von ehemaligen Lehrkräften gibt, die den Blick auf diese Aktion lenken und die auch dafür sorgen wollen, dass es einen ausgeschilderten Weg zur Eiche geben wird …

Das finde ich großartig. Es war auch längst überfällig. Wiesbaden sollte stolz sein auf dieses Stück Kunst und es nicht verstecken.

Und was sagst Du zur begonnenen Zusammenarbeit der Schule mit dem Museum Wiesbaden, das ja eine Beuys-Sammlung hat? Hier soll ja auch das Baum-Zertifikat seinen Platz finden.

Sehr gut! Beuys hat ja auch der heutigen jungen Generation viel zu sagen. Das Zertifikat verbindet die Beuys-Sammlung mit der Stadt und vielleicht findet der ein oder andere so den Weg zur Eiche.

Das Gespräch führte Ingeborg Salm-Boost

Link zum Film in der 3sat-Mediathek


Zur Person
Teresa Corceiro (60) hat ihre Wurzeln in Portugal, sie kam mit acht Jahren nach Deutschland und lebt seit 1974 in Wiesbaden, wo sie das Oberstufengymnasium am Moltkering (heute: Martin-Niemöller-Schule) besuchte. Nach dem Abitur studierte sie in Frankfurt Philosophie und Romanistik sowie Germanistik im Hauptfach. Nach einer Zeit bei Radio RPR absolvierte sie ein Praktikum beim ZDF, arbeitete dann zunächst als freie Mitarbeiterin und schließlich, bis heute, in der Redaktion Kulturzeit bei 3sat, die neu entwickelt wurde und deren Programm 1995 auf Sendung ging. „Das war damals ein Wagnis“, weiß Redakteurin Teresa Corceiro, „aber eines, das sich lohnte“. Eine ihre aufregendsten Sendungen war für sie „Die Roboter kommen“. Toll findet es die Filmemacherin, „wenn man große Menschen interviewen darf“. So erinnert sie sich gerne an das Gespräch 1995 mit dem Philosophen Hans-Georg Gadamer, als er 95 Jahre alt wurde. Der Beitrag „Der Beuys-Eiche in Wiesbaden auf der Spur“ war für Teresa Corceiro eine Herzensangelegenheit.

 

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