Auf Entdeckungstour (Teil 3)

Jawlensky oder Jawlensky?

Roman Zieglgänsberger zwischen den beiden Jawlenskys. Links: Alexej von Jawlensky, Stillleben mit Tasse, um 1908, Sammlung Deutsche Bank. Rechts: Andreas Jawlensky, Rote Blumen auf rosa Tisch, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München (Foto: Ingeborg Salm-Boost)

Ostern ist ja eigentlich ein Fest, an dem Familien zusammenkommen. In diesen Tagen ist das alles nicht so einfach und mancher Familienbesuch dürfte ausfallen. In Folge 3 unserer Entdeckungstour zu den „Lebensmenschen“ bringen wir Alexej von Jawlensky und seinen Sohn Andreas -künstlerisch- zusammen. Viel Freude beim virtuellen Besuch der Ausstellung mit Roman Zieglgänsberger. Der Kurator schreibt:


In der momentan noch geschlossenen Ausstellung „Lebensmenschen“ präsentieren wir neben Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin einige weitere Künstler und Künstlerinnen, die wie Gabriele Münter, Wassily Kandinsky oder Alexander von Salzmann (eine Liebelei Werefkins) dem erfolgreichen Paar persönlich äußerst nahestanden.

Eine Besonderheit aber sind zwei Arbeiten von Andreas Nesnakomoff-Jawlensky, Sohn Jawlenskys mit Helene Nesnakomoff, der im Januar 1902 geboren wurde. 1910, als das liebreizende Bild „Rote Blumen auf rosa Tisch“ vom Sohn geschaffen wurde – Andreas ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal acht Jahre alt –,  malt er, was niemanden verwundern dürfte, wie sein Vater. Sieht man das delikate Gemälde direkt neben dem „Stillleben mit Tasse“ seines Vaters, fragt man sich unweigerlich (viele Kunsthistoriker übrigens auch): Welcher der beiden Jawlenskys hat welches der Bilder gemalt? Glücklicherweise wissen wir aus historischen Quellen, dass das linke von Alexej und das rechte von Andreas stammt.

Diese Frage aber ist letztlich auch der Schlüssel zur Beurteilung der frühen Arbeiten des Sohnes. Denn jedes seiner Gemälde bis etwa 1912 dürfte mit und unter den Augen des Vaters entstanden sein. Und in jedem dieser Bilder, auch wenn Andreas ein Werk letztlich selbst ausgeführt hat, steckt auch Alexej mit drin. Andreas malte ja nicht nur im gleichen Atelier dieselben Gegenstände wie Alexej und verwendete dessen Materialien – die Pappe wie die Ölfarben –, sondern der Sohn hatte fast ausschließlich „vorbildhafte“ Bilder seines Vaters vor Augen. Dieser dürfte dazu noch beratend und (in-)direkt einflussnehmend stolz neben ihm gestanden haben.

Das zweite Gemälde von Andreas Nesnakomoff-Jawlensky in der Ausstellung ist 1919 entstanden und zeigt die kongeniale Tänzerin Clotilde von Derp, die im Entstehungsjahr des Porträts ihren Tanzpartner Alexander Sacharoff in Zürich geheiratet hat. In diesem fantastischen Porträt zeigt sich eine völlig eigenständige künstlerische Bildsprache. Der Sohn hat sich vom Vater freigemacht, etwas, das eben geschieht, wenn man 17 Jahre alt ist.

Andreas Jawlenskys Bildnis Clotilde von Derp, 1919, Privatbesitz (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Ein interessantes Paar: Clotilde von Derp und Alexander Sacharoff, 1919; Alexej von Jawlensky-Archiv S.A., Muralto/Schweiz (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Wenn auch Sie neben Marianne von Werefkin den doppelten Jawlensky entdecken wollen, schauen Sie doch vorbei, wenn wir wieder geöffnet haben. Sie sind, das wissen Sie natürlich, immer aufs Herzlichste in Ihrem Museum Wiesbaden willkommen!

Ihr

Roman Zieglgänsberger

PS: Übrigens hat uns die Enkelin Angelica Jawlensky Bianconi kürzlich mit einer großzügigen Spende geholfen, aus Wiesbadener Privatbesitz das fröhliche Spätwerk „Sommerhaus“ ihres Vaters Andreas zu erwerben. Es ist neben dem „Stillleben mit grüner Flasche“, bei dem sich die Experten merkwürdigerweise mehr als erbittert gestritten haben, ob Andreas oder Alexej der Urheber ist, das erste „unstrittige“ Gemälde von Andreas Jawlensky in unserer Sammlung.

Neu im Museum Wiesbaden: Sommerhaus, 1972, Andreas Jawlensky. Museum Wiesbaden, Schenkung Angelica Jawlensky Bianconi 2019 (Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)

Roman Zieglgänsberger im Online-Gespräch

Auf der Freunde-Website gehen Sie mit Roman Zieglgänsberger durch die Ausstellung. Ergänzend dazu können Sie hier ein ausführliches Online-Gespräch unseres Förderkreis-Mitglieds Jutta Szostak mit dem Kurator hören.

Die Journalistin und Moderatorin der „Blauen Stunde“ auf Radio Rheinwelle, 92,5, hat außerdem für den 4. Mai, 18 Uhr, Roman Zieglgänsberger in ihre Kultursendung eingeladen. Hier wird er sich die Sendezeit mit seinem Kollegen Peter Forster teilen, den Jutta Szostak zur Ausstellung „Homecoming“ befragt, die dem großen Genremaler Ludwig Knaus gewidmet ist.


Ein weiterer Tipp zu den „Lebensmenschen“: Der Bayerische Rundfunk hat einen kleinen Film zum Thema gedreht und auf Youtube veröffentlicht.

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